Albrecht Schuch: Aufs unsichere Gleis begeben

Der 35-jährige Albrecht Schuch aus Jena spielt seit seinem 16. Lebensjahr Theater. Seine Ausbildung absolvierte er von 2006 bis 2010 an der Hochschule für Musik und Theater “Felix Mendelssohn Bartholdy” Leipzig. Seit der Spielzeit 2010/2011 ist Schuch festes Ensemblemitglied des Maxim Gorki Theaters in Berlin. Den bisherigen Höhepunkt seiner Karriere erreichte er mit der Hauptrolle als Anti-Aggressions-Trainer eines neunjährigen Mädchens in “Systemsprenger” (2019) und in der Nebenrolle des Psychopathen Reinhold in “Berlin Alexanderplatz” (2020).

Zehn europäische Nachwuchsschauspieler und -schauspielerinnen stehen ab Dienstag als European Shooting Stars im Mittelpunkt eines dreitägigen Programms der European Film Promotion (EFP). Sie treffen sich mit Regisseuren, Produzenten und Casting-Direktoren in Gruppen oder Einzel-Meetings. Leider in diesem Jahr nur digital, was das gemeinsame Feiern etwas schwierig macht, aber vor allem geht es darum, Kontakte zu knüpfen, gemeinsame Projekte zu planen, international die Weichen zu stellen.

Deutscher Shooting Star ist in diesem Jahr Albrecht Schuch, der bereits in der TV-Serie “Bad Banks” und Filmen wie “Systemsprenger” oder “Berlin Alexanderplatz” bei der Berlinale 2019 und 2020 auftrumpfte. Bei der digitalen Mini-Berlinale nächste Woche glänzt der 35-Jährige, der alles spielen kann, in Dominik Grafs “Fabian oder Der Gang vor die Hunde”. In den nächsten Monaten ist er in Andreas Kleinerts “Lieber Thomas” als DDR-Lyriker Thomas Brasch zu sehen und in Philipp Stölzls Stefan Zweig-Adaption “Schachnovelle”.

AZ: Herr Schuch, keine direkten Treffen, kein Feiern, alle Aktivitäten finden nur virtuell statt, wie fühlen Sie sich?
ALBRECHT SCHUCH: Ich finde es trotzdem cool, mit so vielen unterschiedlichen Kollegen aus Europa an einem virtuellen Tisch zu sitzen und sie kennenzulernen, Gemeinsamkeiten auszutauschen, auch historisch oder sprachlich bedingte Kontraste wahrzunehmen und vielleicht im nächsten Schritt mal mit ihnen zusammen zu arbeiten. Es ehrt mich, dass man mich quasi als Vertreter meiner Zunft von Deutschland dort so in den Mittelpunkt stellt.

Erwarten Sie einen weiteren, internationalen Karriereschub?
Keine Ahnung. Natürlich habe ich Lust, in der englischen Sprache zu arbeiten, weil es etwas ganz anderes mit mir macht, weil Filmemacher aus anderen Ländern ihre Emotionen vielleicht filmisch anders umsetzen. Da gibt es noch so viel zu entdecken.

In Dominik Grafs Erich-Kästner-Verfilmung “Fabian oder Der Gang vor die Hunde” spielen Sie Labude, den wohlhabenden Freund der Hauptfigur Jakob Fabian. Tut es Ihnen nicht leid, dass dieser ganze Berlinale-Filmbuzz flachfällt, die festlichen Premieren, der Rote Teppich, das Publikum, die internationale Presse…
Es ist ja leider gerade so, wie es ist. Natürlich wäre es toll gewesen, über den Roten Teppich zu gehen, nach der Weltpremiere auf der Bühne zu stehen und hautnah die Reaktionen zu spüren. Aber ich hoffe sehr, dass wir beim Sommer-Event der Berlinale “Fabian” dann noch mal vor Ort mit allen Beteiligten und dem Publikum feiern können.

Labude ist auf der einen Seite ein Intellektueller, auf der anderen einer, der mit Fabian durch die Bordelle zieht. Haben Sie ein besonderes Faible für ambivalente Charaktere?
Für mich als Schauspieler ist eine Rolle mit so großen Widersprüchen immer ein Geschenk. Labude steht im Konflikt zwischen zwei verschiedenen Lebenskonzepten. Einerseits will er sowas wie ein poetisch-politischer Schriftsteller werden, sein Vater dagegen fordert, dass er in seine Fußstapfen als Jurist tritt. Irgendwie kriegt er dessen Wunsch und diesen Anstand dem Vater gegenüber und das eigene Sehnen nicht zusammen. Schauspielerisch bietet diese Zerrissenheit eine tolle Grundlage. Sehnsüchte, das Leben richtig auszuprobieren und auch zu übertreiben, die Flucht vor dieser Überforderung und der Frage, welches Leben darf man, will man und soll man überhaupt leben, die Tragik am Ende – das war schon eine spannende Einladung neben Dominik Graf als Regisseur.

Woher kommt das derzeitige Interesse an der Weimarer Republik? Der Erfolg von “Berlin, Babylon”, jetzt Grafs Zeitreise in die Vergangenheit…
Historisch ist die Zeit sehr aufregend, der Wandel ging schleichend vor sich. Intellektuelle wie Fabian und Labude bekamen zwar einiges mit, Labude fängt an, etwas politisch zu werden, Fabian wartet eher ab. Ob sie in einer intellektuellen Blase gefangen sind oder gelähmt, das muss der Zuschauer herausfinden. Sich mit den Ursachen zu beschäftigen, den Nährboden des Nationalsozialismus zu beleuchten und zu hinterfragen, ist alles andere als unzeitgemäß.

Steuern wir auch auf den Untergang zu?
Das würde ich niemals so sagen, dazu bin ich viel zu hoffnungsfroh. Wir sollten uns mit dem Missbrauch von Angst auseinandersetzen, mit der medialen Verbreitung von Schreckensbildern, mit der damaligen Anwerbung junger Soldaten. Daraus können wir immer noch lernen, wie aus der Frage, welche Kräfte sich wie entwickeln können, und wer dazu beiträgt, wer nicht dazu beträgt, wer nichts dagegen tut und warum.

Einfach eine Rolle zu spielen, reicht Ihnen nicht, haben Sie mal gesagt. Es muss doch furchtbar kräftezehrend sein, sich immer neu in eine Figur hineinzuwerfen.
Ist es auch. Jedes Strahlen hat ja einen Schatten und für mich einen besonderen Reiz. Diese intensive Schauspielerei ist anstrengend. Ob das nun die Ernährungsumstellung ist oder die Auseinandersetzung mit Themen, die sehr düster sind, wie der Erste Weltkrieg, der Nationalsozialismus oder die rechte Szene oder das Gedankenkonstrukt einer Rolle, aus dem man selbst nicht rauskommt. Klar, das hinterlässt Spuren. Ich habe neue Methoden gefunden, mich am Ende des Tages, durch das Umlegen eines Schalters wieder zurückzuholen.

Wie bekommen Sie das nach einem intensiven Dreh hin?
Es gibt so verschiedene Rituale, die zum Beispiel mit Wasser zu tun haben, mit Konzentration oder Atemübungen. Alles, was mir irgendwie hilft, mich zu befreien. Ob Lehrer, Arzt, Banker oder Arbeiter am Fließband: In Gesprächen habe ich festgestellt, dass jeder sich immer nur schwierig von der Beschäftigung des Tages lösen kann.

Gibt es einen Masterplan für die Vorbereitung auf die sehr unterschiedlichen Rollen?
Jeder sucht automatisch immer nach Sicherheit, will immer alles erklären und sich auf das verlassen, was gut funktioniert. Das könnte ich auch machen bei der Schauspielerei, aber das würde mir dann schnell zu dröge werden. Ich versuche immer wieder, etwas Unterschiedliches in der Begegnung mit meinen Rollen zu entdecken und zu entwickeln. Also mich dadurch immer direkt oder indirekt aufs unsichere Gleis zu begeben.

Haben Sie keine Angst, sich zu verlieren?
Nein. Da helfen die genannten Rituale und natürlich auch der Freundes- und Familienkreis. Vor allem meine Eltern, die – ohne meinen Beruf selbst zu kennen – anfänglich befürchtet haben, ich könne durch die Schauspielerei zu abgehoben und zu selbstverliebt werden. Das Showbusiness oder dieses Vertiefen und Hineinversetzen in eine Figur über einen längeren Zeitraum hinweg birgt immer auch eine Gefahr. Aber ich versuche, das Ganze als Spiel zu betrachten, den Ernst, den falschen Ernst, sobald er sich anbahnt, fortzuschmeißen.

Schmeichelt es Ihnen, als einer der aufregendsten Schauspieler zu gelten? Müssen Sie aufpassen, nicht eitel zu werden, das Ego im Zaum zu halten?
Das sind alles verführerische Situationen und schmeichelnde Momente, aber auch Momente, wo man aufpassen muss, sich nicht korrumpieren zu lassen, seine Arbeit weiter zu machen.

Inwieweit hat Ihre vier Jahre ältere Schwester Karoline, auch Schauspielerin, Ihnen geholfen?
Schon mal dadurch, dass sie die große und erste Welle der Sorgen meiner Eltern abbekommen und mich mit nützlichen Tipps versorgt hat. Karoline hat mich gelehrt, die Bodenhaftung nicht zu verlieren. Das ist gerade am Anfang wichtig. Wenn man glaubt, man sei der Nabel der Welt und alle Leute müssten mit Angeboten kommen, wenn man sich Klinkenputzen nicht vorstellen kann, benötigt man ein Korrektiv.

Jetzt kommen die Leute mit den Angeboten zu Ihnen.
Aber ich versuche, immer auch einen Schritt auf sie zuzugehen…

Nagen trotz aller Auszeichnungen auch Selbstzweifel an Ihnen?
Ich glaube nicht mehr oder weniger als bei anderen auch. Manchmal bin ich müde von so einer anstrengenden Arbeit, obgleich sie mir auch viel Spaß gemacht hat. Wenn es mir zu viel wird, ist das weniger die Rollenbelastung als die Tagesform, da denkt man vielleicht mal, ich schaffe das nicht. Es gab da schon eine Phase, die mit der Abwesenheit der Berliner Sonne zu tun hatte und der jetzigen Situation und den wenigen Möglichkeiten, sich zu unterhalten.

Wie sind Sie persönlich durch die Coronazeit gekommen, privat und beruflich?
Es wäre ein falsches Rumgeheule, wenn ich sagen würde, Corona habe die Dreharbeiten erschwert. Sie haben sich verändert und waren für die Produktionen finanziell und organisatorisch komplizierter. Ich freue mich, wenn wir uns endlich alle wieder in den Arm nehmen, tanzen gehen dürfen, ins Theater, ins Kino, wenn ich wieder zufällige und unvorhergesehene Begegnungen auf der Straße haben darf.

Wenn der ganze Trubel vorbei ist, was wünschen Sie sich?
Ich freue mich schon auf die nächsten Dreharbeiten ab März für drei Monate in Prag. Ich darf nur so viel darüber sagen: Es ist ein historisches Filmprojekt. 

Die Kick-Off-Show der European Shooting Stars mit allen zehn Schauspielern und Schauspielerinnen gibt es am Mittwoch um 11 Uhr auf www.efp-online.com und dann runterscrollen

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