Martin Sonneborn: "Über einen Witz denke ich jetzt zwei Mal nach"

Kritik an seiner humoristischen Arbeit ist er gewohnt: Martin Sonneborn. Insofern eignet sich der Satiriker gut als Gesprächspartner für Fragen nach den Grenzen des Humors. Im t-online-Interview übt er auch Selbstkritik.

Wieder einmal ist die deutsche Gesellschaft durch eine Aktion, die als “ironische” Humorarbeit verstanden werden wollte, aufgewühlt worden. Wie schnell sich zu “Alles dicht machen” zwei Lager bildeten, belegt auch die jüngste civey-Umfrage im Auftrag von t-online: 57,2 Prozent lehnen die Aktion ab, 29,6 Prozent befürworten sie, nur 13,2 stehen zwischen den Fronten – Die Ergebnisse lesen Sie hier im Detail.

Martin Sonneborn spricht im Interview mit t-online über den Empörungsfuror in Zeiten der Corona-Krise, seine Bewertung der “Alles dicht machen”-Aktion – und über die seiner Ansicht nach wenigen Dinge, über die in Deutschland noch alle lachen können. 

t-online: Herr Sonneborn, ist die Humorarbeit in Deutschland inzwischen zu einem Minenfeld verkommen, auf dem Comedians, aber auch Schauspieler oder ganze TV-Sender ständig Gefahr laufen, in die Luft gejagt zu werden? 

Martin Sonneborn: Yep, und langsam beginne ich mich über jeden noch so dämlichen Shitstorm zu freuen. Je häufiger und je stärker die werden, desto eher explodiert das Internet und die Menschen kommen hoffentlich halbwegs wieder zur Besinnung. Ansonsten werde ich Twitter leider schließen müssen. 

Welche Veränderungen mit Hinblick auf humoristisch angelegte Aktionen beobachten Sie seit Beginn der Corona-Pandemie?

Die Leute werden immer dümmer. Smiley. Der Verlust der eigenen Urteilsfähigkeit wird durch steigende Aggressionsbereitschaft ausgeglichen. Humor, Ironie, feinere Anspielungen, satirische Überspitzungen werden von vielen Menschen nicht mehr verstanden. Anfangs ging ich von mutwilligem, teils auch böswilligem Missverstehen öffentlicher Äußerungen aus, aber langsam habe ich den Verdacht, viele Twitter- und Facebook-Nutzer sind wirklich nicht in der Lage, uneigentliches Sprechen zu verstehen. Wir müssen mehr in Blidung intensiven, Pardon: in Bildung investieren. 

"'tschuldigung!": Eine Satire-Aktion von Martin Sonneborns "Die Partei", mit der die Treffsicherheit in der Humorarbeit aufs Korn genommen wird. (Quelle: Martin Sonneborn)

Wie beurteilen Sie die These, dass durch die in Deutschland über Monate andauernden Lockdowns eine Gereiztheit entstanden ist, die die Negativ-Rezeption von Witzen verstärkt?

Stimmt, ich war gestern in einer belgischen Polizeikontrolle und wäre fast hinter Gittern gelandet. Die Kommunikation auf den digitalen Plattformen wird zunehmend aggressiver geführt und folgt mittlerweile stumpf ritualisierten Empörungsmechaniken. Das macht es für Freunde des gepflegten Witzes sicherlich nicht einfacher.

Für Sie persönlich ist Kritik an Ihrer Arbeit nicht neu. Erst Anfang des Jahres sorgten Sie mit einem T-Shirt-Aufdruck für Wirbel und entschuldigten sich anschließend. “Wenn ein Witz aber zu rassistischer Verletzung führt, statt Reflexionsanstöße zu geben oder zumindest ein befreiendes Lachen nach sich zu ziehen, dann ist es ein misslungener Witz.”, schrieben Sie unter anderem. Wird man nach solchen Vorfällen vorsichtiger? 

Die Entschuldigung habe ich von einer PR-Agentur formulieren lassen, sie war sehr teuer. Über einen Witz denke ich jetzt zwei Mal nach. Das habe ich allerdings bei dem umstrittenen T-Shirt auch getan. Smiley. Ich glaube und hoffe, dass platte Polemik, missverständliche Witze und Qualitätssatire ohne Rechtsschreibfehler auch weiterhin ein paar Freunde finden werden. 

Zuletzt war es die Aktion “Alles dicht machen”, die anschaulich die Polarisierung der Gesellschaft anhand einer “ironisch” gemeinten Video-Aktion offenbarte. Wie bewerten Sie die Aktion und ihre Folgen?

Natürlich gab es viel Unfug in den Videos. Aber eine Gesellschaft muss in der Lage sein, anders mit Verstörungen umzugehen – Kernaufgabe von Kunst, Satire, Theater, Schauspielern. Das Ausmaß der zur Schau gestellten Empörung – sogar aus der SPD-Spitze, und deren Witze sind wahrlich nicht besser! – war mir keineswegs sympathischer.

Rechts versus links: Die Einteilung in Lagern erfolgt auch bei solchen Anlässen immer sehr schnell – und rigoros. Kann und sollte Humor nicht als verbindendes Element dienen? Ein Publikum, getrennt in seinen politischen Auffassungen, Werten und Einstellungen, kann doch auch gemeinsam lachen – oder ist das eine naive Illusion?

Ich bin kein Fachmann für verbindlichen Humor, aber ich würde sagen, das geht heutzutage noch weniger als früher. Gemeinsam lachen kann man heute höchstens noch über das Wetter oder Andi B. Scheuert.

Ist alles ganz einfach? Jeder lacht nur noch über das, was das eigene Weltbild unterstützt? Die Risse zwischen den Gesellschaftsschichten werden in Deutschland immer größer, umso schwerer ist es auch, alle gleichermaßen zum lachen zu bringen?  

Dafür gibt es heutzutage zu viele Risse und Zersplitterungen in unserer atomisierten Gesellschaft. Aber Satire war und bleibt ohnehin ein Minderheitenprojekt, das nicht auf den Beifall der Massen schielt. Und auch keinen erhält. 

Nun habe ich von Witzen, Humor und Comedy gesprochen, aber die Satire unerwähnt gelassen. Wo die Grenzen von Satire liegen und was sie darf und soll, das könnten wir noch klären. Warum ist beispielsweise “Alles dicht machen” keine Satire? 

Ich würde die “Alles dicht machen”-Filme nicht über einen Kamm scheren, es lassen sich sicherlich Merkmale der Satire aufzeigen. 

Haben Sie dafür ein konkretes Beispiel?

Yep, der Beitrag von Nadine Dubois. (Anm. d. Red.: Ihr Video ist über der Frage eingebettet.)

  • Eindeutige Mehrheit: So denken die Deutschen über ”Alles dicht machen”
  • “Alles dicht machen”: Wer steckt hinter der umstrittenen Corona-Aktion?
  • Stars äußern Kritik: ”Brandgefährlich”: Corona-Aktion spaltet Schauspielwelt

Weshalb ist es gefährlich, wenn sich jeder im Nachhinein den Deckmantel der Satire überstreift und tut, als sei doch alles halb so wild? 

Sie meinen die Moral? Amateure raus aus dem Geschäft! Um Missverständnissen vorzubeugen, sollte Satire künftig wieder den Fachleuten überlassen bleiben: “Titanic”, Georg Schramm, Ursula von der Leyen.

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