"One Mic Stand": So schlägt sich Lauterbach als Stand-up-Comedian

Gerade steckt die Erfolgsshow „Last One Laughing“ in der Staffelpause, da schickt Amazon Prime Video am Freitag eine neue Comedy-Serie aufs Parkett. Bei „One Mic Stand“ nehmen Comedy-Profis prominente Laien unter ihre Fittiche und schicken sie auf die Stand-up-Bühne. Den Auftakt machen Hazel Brugger und Karl Lauterbach. Dass das gutgeht, liegt aber nicht an Lauterbachs Stand-up-Talent.

Eine KritikvonChristian Vock

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Man muss kein schlechtes Gewissen haben, wenn man seinem ersten Impuls folgt und „One Mic Stand“ mit „Last One Laughing“ vergleicht. Das mag vielleicht ein bisschen ungerecht sein, aber die Gemeinsamkeiten sind einfach zu offensichtlich. Weil es auch hier um Comedy geht, um deutsche Comedy, mit deutschen Comedy-Größen und natürlich, weil auch „One Mic Stand“ bei Amazon Prime läuft.

Doch dann hört es auch schon auf, denn die Unterschiede sind noch größer als die Gemeinsamkeiten. „Last One Laughing“ läuft in einem eher geschlossenen System. Es gibt mit Michael „Bully“ Herbig einen Moderator, der gleichzeitig Schiedsrichter ist, ein festes Regelwerk und eine feste Truppe Profi-Comedians in einem Studio. Der Rest folgt dem Chaos, das die Comedy-Truppe veranstaltet. Bei „One Mic Stand“ ist alles anders. Fast alles.

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Mittelpunkt ist hier das Kurhaus in Wiesbaden. Dort begrüßt Comedian Teddy Teclebrhan ein Live-Publikum, dem er erst einmal das Prinzip der neuen Show erklärt: „Ein Comedian trifft einen prominenten Menschen, coacht diesen prominenten Menschen und der macht hier auf dieser Bühne ein Stand-up.“ „One Mic Stand“ läuft also auf das Stand-up-Debüt eines prominenten Laien hinaus, könnte man meinen – doch das stimmt nicht. Denn tatsächlich gehört sogar nur der kleinste Teil der Show dem Comedy-Auftritt und das ist auch gut so.

Hazel Brugger nimmt Karl Lauterbach unter ihre Fittiche

„One Mic Stand“ holt seinen Reiz und seine Lacher stattdessen an vielen anderen Stellen ab. Alles beginnt mit dem ersten Aufeinandertreffen des Promis und seines Comedy-Coaches und das sind in Folge eins der heutige Gesundheitsminister Karl Lauterbach und die Schweizerin Hazel Brugger. Nach dieser Auftaktfolge, egal, ob sie einem nun gefallen hat oder nicht, kann man schon einmal festhalten: eine exzellente Wahl.

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Denn Lauterbach und Brugger eint zwar ein intellektuelles Gespür für Witz und die Situation, aber beide trennt auch mitunter die Form, in der sie daraus Humor machen. Zum Beispiel, als Brugger Lauterbach einen Gag vorschlägt, in dem das Wort „Titten“ vorkommt. Da schreckt Lauterbach zurück und sagt: „Das kostet das Mandat, wenn ich sage ‚Titten‘.“ Mit anderen Worten: Wo Lauterbach sprachlich mit dem Florett ficht, schwingt Brugger auch mal die Keule. Nicht immer, aber da, wo es passt. Auch aus diesem Gegensatz entsteht bei „One Mic Stand“ ein ganz besonderer Reiz, wenn die beiden Temperamente aufeinandertreffen.

Das passiert zum ersten Mal bei einer Veranstaltung Lauterbachs in Leverkusen, man befindet sich zeitlich noch vor der vergangenen Bundestagswahl. Dort will Brugger den heutigen Gesundheitsminister scheinbar von einer Karriere als Comedian überzeugen. Von da an startet das Coaching, man denkt sich im Auto Gags aus und plant den Auftritt – zumindest vordergründig. Denn das eigentliche Ziel dieses scheinbaren Vorgeplänkels ist ein anderes.

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Karl Lauterbach: „Gelegenheit, mich zu blamieren“

Die Autofahrten von Brugger und Lauterbach sollen nämlich zum einen den Comedy-Gast Lauterbach ein bisschen näher bringen und zeigen, wie er so tickt und die Antwort ist: sehr präzise. Lauterbach, so wie er hier zu sehen ist, hat ein sehr feines Gespür für Witz, Wortwitz und die richtige Situation. Derbem Humor steht er eher abgeneigt gegenüber, versteht aber dessen Mechanismen.

Viel wichtiger aber: Diese scheinbare Einleitung gehört zum anderen zur eigentlichen Unterhaltung. Denn hier entspinnen sich spontane Dialoge wie dieser: „Ich mache das jetzt zum ersten Mal, habe nun die Gelegenheit, mich zu blamieren“, stellt Lauterbach im Auto-Gespräch mit Brugger fest und die nutzt die Steilvorlage: „Aber dass du das erste Mal die Gelegenheit hast, dich zu blamieren, da wage ich zu widersprechen.“ Und Lauterbach wiederum nimmt die Antwort für eine gehörige Portion Selbstironie: „In dieser Branche. Sonst habe ich diese Gelegenheit jeden Tag und ich nutze sie auch.“

Es sind vor allem diese spontanen Gespräche, die – zumindest in Folge eins – den eigentlichen Reiz von „One Mic Stand“ ausmachen, denn sie sind nicht nur am authentischsten, sondern auch am zeitlosesten. Der Rest der Show hingegen wirkt dagegen mitunter etwas inaktuell, etwa wenn Hazel Brugger sich in ihrem Stand-up-Vorprogramm als frischgebackene Mutter präsentiert, die sie inzwischen nicht mehr ist oder Lauterbach im Anschluss Witze über Armin Laschet macht. Armin wer? Genau.

Karl Lauterbach: „Ich bin wie Ihre Mutter – nur ohne das gute Essen“

Von daher ist es am Ende gar nicht schlimm, wenn Lauterbach von den knapp 45 Minuten der Folge lediglich 9 Minuten mit seinem Auftritt füllt und der Rest an Einspieler, Bruggers Auftritt und Teclebrhans Showeinlage geht. Der Hauptgrund, warum die Kürze von Lauterbachs Auftritt in Ordnung geht, ist aber: So richtig witzig ist er nicht. Die Spontaneität und der schleichend-schlaue Esprit, den Lauterbach zuvor noch im Auto bei Brugger gezeigt hat, ist hier fast völlig einem steifen und sichtlich nervösen Abspulen von vorbereiteten Gags gewichen.

Die sind nicht unbedingt richtig schlecht, aber auch keine Premium-Kategorie und sein Einstiegsgag ist noch einer der besseren: „Hallo! Guten Abend, mein Name ist Karl Lauterbach. Ich bin die Person, die über eineinhalb Jahre Ihnen jetzt alles verboten hat, was Spaß gemacht hat. Ich bin daher wie Ihre Mutter – nur ohne das gute Essen.“

Ist das zu wenig? Nein, denn bei „One Mic Stand“ geht es nicht darum, das komplette Comedy-Programm eines Laien zu sehen, sondern einen Eindruck zu bekommen, wie er sich schlägt und dafür reichen die paar Minuten. Das eigentliche Ziel der Show ist es, unterhalten zu werden und das wird man. Nicht immer, nicht durchgängig, aber fast.

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