Provence-Krimis zum Fest: Weihnachten mal eiskalt und mörderisch

Ein neuer Fall für Albin Leclerc

Weihnachten kann nervig sein. Vor allem, wenn einem im Kaufhaus, im Café, im Autoradio und eigentlich überall “Last Christmas” entgegenplärrt. Dann schickt deine Lebensgefährtin Dich auch noch von A nach B nach C, um irgendwelche Sache zu besorgen, während sie Dein Haus in einen Weihnachtsbasar verwandelt. Als Kommissar in Rente, der sich nun “Polizeiberater” nennt, sich noch immer fit, aber nicht gebraucht fühlt, und deshalb mit seinem Mops spricht, bist Du froh, wenn Dich was aus diesem Trott reißt, selbst wenn es ein brutaler Mord ist.

Pierre Lagrange: "Eiskalte Provence"

Albin Leclerc aus La Roque-Sur-Pernes in der Provence kann Weihnachten endlich in seiner Prioritätenliste etwas nach hinten schieben. Und so seinerseits ein paar Leuten auf die Nerven gehen. Zum Beispiel seiner Lebensgefährtin, indem er Besorgungen aufschiebt. Oder seinen ehemaligen Kollegen Catherine Castel und Alain Theroux, indem er sich ungefragt einmischt, bis er schließlich gefragt wird. Er würde eh nicht damit aufhören. Und er lässt auch nicht locker, als der Mörder tot aufgefunden wird und alles auf Selbstmord hindeutet. Zu einfach, und Besserwisser nerven eben am meisten, wenn sie es wirklich besser wissen.

Und so ist auch der Mann hinter dem Mord, der ehemalige rumänische Geheimdienstmann Ion Lazar, genervt, da ihm Leclerc zusehends auf die Pelle rückt. Eigentlich sind in “Eiskalte Provence”* alle Beteiligten irgendwann genervt, bis auf Leclercs Mops Tyson.

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Eiskalte Provence

Eiskalte Provence

Die Ruhe des kleinen tierischen Stoikers täte Lazar jetzt ganz gut, denn er hat Großes vor. Warum nur musste sein Handlanger bei dem ihm aufgetragenen Mord so übertreiben? Zwar ist Lazar aufgrund langer Studien in Rumänien mit dem Fanatismus religiöser Gruppierungen durchaus vertraut. Möglicherweise aber ließ ihn seine Faszination für dieses Phänomen und seine eigene Anfälligkeit dafür den religiösen Wahn und die Besessenheit seines langjährigen Helfers Florin unterschätzen.

Statt die junge Frau, die etwas gesehen hat, was sie nicht hätte sehen dürfen, einfach verschwinden zulassen, hat Florin sie rituell verstümmelt und zur Schau gestellt. Einerseits lässt dieser Umstand die Polizei und ihren Berater vermuten, dass sie es hier mit einem psychopathischen Serienkiller zu tun haben. Andererseits lenkt es ihre Aufmerksamkeit auf Lazars gediegene Privatklinik. Und diese Aufmerksamkeit droht seine großen Pläne zu durchkreuzen.

Terror auf dem Weihnachtsmarkt

Von seiner Luxus-Privatklinik aus plant Lazar nichts Geringeres als die Wiedergeburt Europas. Doch damit das passieren kann, müssen nach Meinung des Arztes erst noch die richtigen Voraussetzungen geschaffen werden: Europa muss zunächst in Krieg und Chaos versinken. Dazu sollen Giftgas-Anschläge auf drei Weihnachtsmärkte dienen, die Lazar dem Islamischen Staat in die Schuhe schieben will. Dann müssen er und seine und seine Schergen durch einen Massensuizid noch die Transformation zum Sirius vollziehen, um sich dort mit den Großmeistern vergangener Sonnentemplerorden zu vereinigen. Und dann wird ein neues, besseres Europa entstehen.

Die Frage ist nun, ob es Leclerc gelingen wird, die Zusammenhänge noch rechtzeitig zu durchschauen. Es kündigt sich ein spannendes Finale auf den Straßen der Provence zwischen Avignon, Aix-en-Provence und Carpentras an. Zu allem Überfluss ist auch noch Leclercs Familie auf dem Weihnachtsmarkt von Carpentras unterwegs. Die Zeit rennt dem ehemaligen Kommissar davon…

Autor Pierre Lagrange bindet nicht nur die Landschaft um La-Roque-sur-Pernes, sondern auch geschichtliche Aspekte um den kleinen Ort schön in die Handlung ein. Und neben dem Weihnachtsstress und den Plänen Lazars nerven den armen Leclerc auch noch ein paar Begleiterscheinungen des Älterwerdens, mit denen er aufgrund seiner eigentlichen Fitness und seines Elans nicht so richtig gut klar kommt.

Cay Rademacher: "Stille Nacht in der Provence"

Ein paar Kilometer weiter südwestlich in Miramas-Les-Vieux sind auch Andreas und Nicola Kantor schwer genervt. Sie wollen/müssen (Nicola muss, weil Andreas will) in “Stille Nacht in der Provence”* Weihnachten als Housesitter in der Provence verbringen. Das einstige Vorzeigepaar bewegt sich extrem befindlichkeitsfixiert im verschleißenden routinierten Trott des Ehealltags, noch dazu hat Journalistin Nicola gerade ihren Job verloren, und Lehrer Andreas steht kurz vorm Burnout. Umso anstrengender ist es, weiter die Fassade aufrecht zu halten.

Stille Nacht in der Provence

Stille Nacht in der Provence

Wer hat die Leiche verschwinden lassen?

Andreas erhofft sich von dem Trip eine Neubelebung ihrer einst glücklichen und leidenschaftlichen Beziehung, aber Zweifel sind angebracht. Die Ankunft ist eisig – geschuldet der langen Fahrt von Hamburg aus und dem Wetter. Erstaunlich kalt ist es in der Provence, am nächsten Morgen sind sie fast eingeschneit, die Voraussetzungen für eine Eherettung könnten besser sein.

Überhaupt ist die ganze Atmosphäre sehr düster, das Wetter ist so eisig, wie die Stimmung zwischen Andreas und Nicola, als die beiden bei Anbruch der Dämmerung endlich ihr Ziel erreichen, begrüßt von “Reihen knotig gewachsener Bäume, die unwillkürlich an die Kreuze eines Massengrabs erinnerten”. Die Gassen des Dorfes sind wie leer gefegt, die Häuser sind verrammelt, nirgendwo Licht. “An die Felswand gequetscht[e]” Häuser und die Ruine der mittelalterlichen Burg wirken zu dieser Zeit des Tages und zu dieser Jahreszeit eher bedrohlich als romantisch, und der kurze beschwerliche Weg zum Ferienhaus trägt nicht zur Besserung der Stimmung zwischen Andreas und Nicola bei.

Kaminfeuer und ein Essen im Dorf lassen sie aber wenigstens nicht schlechter werden. Vielleicht kriegen sie ja die Kurve, denkt Andreas, bis er am nächsten Morgen aufwacht und Nicola nicht da ist (zum Glück ist sie nur einkaufen). Bis er beschließt, dem Rumpeln nachzugehen, das er glaubt, in der Nacht gehört zu haben. Wenig später findet er sich in schmuddeliger, vom Schnee durchnässter Jogginghose panisch schreiend auf den Straßen des eigentlich beschaulichen Dorfes wieder: Er hat in dem Garten des Hauses eine alte Gruft entdeckt, in dieser einen Sarg und in diesem eine Leiche. Ist das möglicherweise der amerikanische Student, der hier vor zwei Jahren spurlos verschwunden ist? Er alarmiert eine Bewohnerin, will ihr die Leiche zeigen, doch als sie an die Gruft kommen ist diese leer.

Wer hat die Leiche verschwinden lassen? Oder sind das nur die schrägen Visionen eines ausgebrannten Lehrers? Auf dem Weg zur Wahrheit treffen Nicola und Andreas ein paar recht eigene Einheimische, die sich zum Teil – wie Andreas meint – sehr merkwürdig verhalten, und dann wird er schließlich eines Nachts von einem Unbekannten angegriffen und kann gerade noch entkommen. Die Ehe von Nicola und Andreas nimmt mit den Ereignissen in dem mittelalterlichen Dorf allmählich wieder Fahrt auf, und so beschließen sie, gemeinsam dem Rätsel auf den Grund zu gehen.

Ruhiger Krimi in verschneiter Kulisse

Mit “Stille Nacht in der Provence”* hat Autor Cay Rademacher einen sehr ruhigen und unblutigen Weihnachtskrimi abgeliefert. Der Ort des Geschehens spielt dabei eine entscheidende Rolle. Das mittelalterliche Miramas-les-Vieux könnte durchaus ein Ort für ein beschauliches Weihnachtsfest sein, entwickelt sich aber im Zusammenhang mit den Ereignissen zu einer dunklen, bedrohlichen Kulisse. Darüber hinaus zieht das Buch seine Spannung aus der Unsicherheit des Protagonisten Andreas, der sich selbst irgendwann nicht mehr sicher ist, ob er sich das alles nur eingebildet hat.

Und dann ist da zu guter Letzt noch die Dynamik der Ehe zwischen Andreas und Nicola. Ist ihre Beziehung noch stark genug, dass er sich ihr anvertrauen kann? Gibt es noch das Team “Andreas und Nicola”? All diese Fragen klären sich in der dunklen Nacht von Heiligabend auf den ersten Weihnachtstag in Miramas-les-Vieux.

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