Was tun bei Corona-Impfneid in der Beziehung?

Mein Partner ist geimpft – was jetzt?

Wohl gemerkt eine provokante Frage. Natürlich an allererster Stelle die Freude, dass die geliebte Person wohl ziemlich sicher gar nicht oder mit einem milden Verlauf an Corona erkranken könnte. Doch immer mehr Paare erleben ein zwiegespaltenes Szenario: Nur eine/r ist geimpft und nun locken die Lockerungen – aber eben nur für die eine Hälfte. Wie damit umgehen?

Zwischen uns steht zweimal ein Sticker mit dem Schriftzug: "Moderna"

Ein persönliches Beispiel: Mein Lebensgefährte ist Arzt und dementsprechend zurecht bereits zweimal geimpft. Moderna – zwei Stempel leuchten im gelben Heftchen. Meinen Impfpass hingegen habe ich verbaselt und mein erster Impftermin ist noch einige Wochen entfernt. Die letzten Monate haben wir uns ziemlich penibel an alle Verbote und Gebote gehalten. Umso krasser wirken nun die neuen Möglichkeiten – für ihn. Ein Treffen am “Vatertag” mit zwei Freunden aus unterschiedlichen Haushalten: Plötzlich legal. Sogar draußen. Nach 22 Uhr. Verrückt! Ohne Test zum Friseur. Direkt nach Reisezielen suchen: Wohin man überall als Geimpfter darf – die Welt wirkt von seiner Seite aus wieder ganz groß. Die Urlaubsbuchung scheitert bislang an mir. Bin ich bis zum Abflug auch wirklich durchgeimpft? Und dann das: An einem Abend vor wenigen Tagen steht das Wort “Party” im Raum. Unter Kollegen. Denn seine sind ja alle doppelt geimpft. Dann könne man sich doch mal in naher Zukunft treffen, so unter Medizinern.

Gelb wie der Impfschein ist mein Neid

Die Vorstellung an eine PARTY lässt mich erglühen vor impfpassgelben Neid. Klar, Ärzte und Pflegepersonal hat in den letzten Monaten ordentlich gebuckelt, das habe ich selbst ganz nah erfahren müssen. Aber muss es direkt eine Party sein? Vor allem: Ungeimpfter Anhang unerwünscht. Oder eher: Nicht erlaubt. Ich sehe mich schon im Jogginganzug einen weiteren monotonen Abend verkrampft ein Online-Spiel mit Freunden knobbeln, während meine bessere aka immune Hälfte dem normalen Leben frönt. Meine Reaktion? Etwas, was maximal garstig ist: Ich machte einen auf Journalist.

Wachtmeister Dimpelpartner: Keine Party ohne mich

Denn wenn ich eines kann, dann googeln. Fiese Schlagzeilen fand ich sofort: “Polizei löst orgienartige Party unter Medizinern auf”. Jaaaa, die Begründung “Wir sind doch alle geimpft” zählt nämlich nicht. Stattdessen gab es ein Bußgeld. Und einen politischen Spielverderber fand ich auch noch: Jens Spahn sagt beim ZDFJournal: “Einen Anspruch auf Party gibt es nicht – auch nicht für Geimpfte.” Also die Bremse für Geimpfte, selbst wenn ihr Risiko sich anzustecken oder die Krankheit zu übertragen gering ist. Besagte Quellen landeten sogleich im Whatsapp-Verlauf. Gelesen hat mein Freund sie noch nicht, schließlich ist bei einem 12 Stunden Notaufnahmen-Dienst dafür keine Zeit. Auf einmal schäme ich mich. Schließlich haben es ja viele Leute wie er gerade jetzt verdient. Statt Applaus braucht der Junge vielleicht doch einfach mal ne Party. Aber: Ohne mich?

Der feine Unterschied zwischen Neid und Missgunst

Ich rufe Paartherapeutin Tabea Winkler an. Ich oute mich mit meinen inneren Kämpfen: Bin ich jetzt ein schlechter Mensch? Frau Winkler gibt Entwarnung: “Es gibt da einen Unterschied zwischen Neid und Missgunst. Neid: Ich würde das auch gerne können/dürfen aber ich gönne es dem Anderen trotzdem von Herzen”. Winkler nennt mir ein Beispiel:”Etwa, wenn jemand besonders gut Klavier spielen kann – das finde ich dann toll, und würde es trotzdem auch gerne selbst können!” Missgunst ist da anders und problematischer: “Weil ich selbst nicht darf, will ich, dass der andere das auch nicht hat/kann.” Ich darf also durchaus neidisch sein, und mich gleichzeitig für meinen Partner freuen.

"Keine moralische Einbahnstraße"

Doch nicht nur ich sollte meine Gefühle überdenken, so Tabea Winkler weiter. “Nur weil ich als geimpfte Person jetzt viele Freiheiten bekomme/wieder habe, muss ich das dann auch mit Verantwortung ausleben. Das heißt, wenn ich das Glück habe, geimpft zu sein, muss ich genug Feingefühl besitzen, beim Gegenüber keinen Frust zu schüren.” Ein bisschen Rücksicht und Solidarität darf man also trotzdem durchaus vom Partner erwarten. Es helfen auf beiden Seiten etwas Gelassenheit, so die Therapeutin: Aber nur weil bestimmte Dinge rechtlich erlaubt sind, sind sie nicht unbedingt moralisch einwandfrei! Humor hilft in solchen Situationen ungemein.”

Es bleibt kompliziert: Moralisch und rechtlich

Inzwischen hat mein Partner Zeit auf meine Quellen-Tirade mit Hinweisen über sein potentiell unerlaubtes Verhalten beantwortet: Mit einem Artikel über eine Gruppe Ärzte, die in Hannover am Herrentag mit 20 Leuten kontrolliert wurden. Kein Bußgeld, da alle geimpft sind. Und er hat Recht: Denn das Justizministerium gibt tatsächlich keine Obergrenze mehr für Treffen unter Geimpften und Genesenen vor. Trotzdem: Meine Antwort wird ein weiterer Link sein. Zu diesem Artikel. Man sollte auch trotz Corona kein Wachtmeister in einer Beziehung werden – aber ein kleiner Moralapostel darf man schon mal sein.(lsi)





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