Ziemlich beste Freunde geworden

Zum 75-Jahr-Jubiläum haben die Festspiele mehrere Partnerfür die Sprechtheaterproduktionen.

DasWiener Burgtheater war heuer im April schon da. Es dokumentierte mit zweiAufführungen von Shakespeares „Richard II.“, dass man in Vorarlberg alles daransetzte, um die pandemiebedingten Veranstaltungsverbote so rasch wie nur möglichbzw. früher als in anderen Bundesländern zu beenden. Die Kooperation desEnsembles mit den Bregenzer Festspielen hat sich zudem nicht nur alsZeichensetzung gegen jene Pandemiepolitik in die Chronik des Landeseingeschrieben, die auch einen Theaterbesuch unter strengen Auflagenverhinderte, während die Menschen in die Einkaufszentren strömten, sie stehtauch im Kontext der Festivalgeschichte.

WennIntendantin Elisabeth Sobotka im Anschluss im Gespräch mit den VN bekundete,dass sie in Zukunft mit dem Burgtheater ebenso zusammenarbeiten möchte wie mitdem Deutschen Theater Berlin, dann entspricht das einer Tradition. Diese warund ist allerdings für die künstlerischen Leiter der Bregenzer Festspiele weitweniger belastend als die Durchsetzung aller Erfordernisse für das großeKulturunternehmen, als das sich die Festspiele nach den Aufbau-Jahrzehntenetabliert hatten. Nach dem Kieskahn-Spektakel im Gondelhafen im Sommer 1946richtete sich der Fokus logischerweise auf die Seebühne, das Sprechtheater waraber seit Anbeginn ein Bestandteil des Programms wie die Konzerte der WienerSymphoniker.

Burgtheater Wien, Schillertheater und Deutsches Theater Berlin, Thalia-Theater Hamburg, Theater in der Josefstadt, Theater für Vorarlberg bzw. Landestheater – die Liste der Kooperationspartner ist lang. In den 1990er-Jahren kam es zur regelmäßigen Präsenz des Deutschen Theaters Berlin mit mehreren Inszenierungen von Thomas Langhoff. Die Verbindung zu dieser Bühne wurde von Elisabeth Sobotka wieder aufgenommen. Im Jahr 2019, dem letzten Festspielsommer vor der coronabedingten Zwangspause, mit der großartigen Idee, die Opernproduktion „Don Quichotte“ von Jules Massenet mit dem Schauspiel „Don Quijote“ von Jakob Nolte zu ergänzen. Während sich die französische Opernregisseurin Mariame Clément höchst ersprießlich mit männlichen Rollenbildern beschäftigte, stellte Jan Bosse in der Schauspielversion die Frage, was denn ein humanes Handeln wäre.

„MichaelKohlhaas“

Dieinhaltliche Anbindung der diesjährigen Schauspielproduktion „Michael Kohlhaas“nach der Novelle von Heinrich von Kleist an die große Opernproduktion „Nero“von Arrigo Boito im Bregenzer Festspielhaus ist zwar nicht mehr soaugenscheinlich, gegeben ist sie dennoch. Während Regisseur Olivier Tambosi dieBesessenheit sowie weitere Facetten des zum Verbrecher gewordenen römischenKaisers ins Auge fasst und die Figur entsprechend der Entstehungszeit der Operins 19. und 20. Jahrhundert rückt, werden wir bei „Michael Kohlhaas“ direkt mitFragen zu Schuld, Gerechtigkeit und Gewalt konfrontiert. Heinrich von Kleisterzählt, inspiriert von einem Gerichtsfall im 16. Jahrhundert, von einemRosshändler und einfachen Bürger, der von Adeligen betrogen wird und in derZeit der Ungleichheit zu gewaltsamen Mitteln greift, um Gerechtigkeitherzustellen. Die Adaptierung der Novelle für die Bühne entspricht keinemeinfachen zeitlichen Perspektivenwechsel, die neue Gewichtung der Rolle vonFrauen verdeutlicht jedoch die moralischen Fragestellungen. Andreas Kriegenburginszeniert, Max Simonischek übernimmt die Rolle der Titelfigur. Wie es schonbei „Don Quijote“, diesem wunderbaren Zusammenspiel von Ulrich Matthes undWolfram Koch, der Fall war, ist Bregenz Premierenort einer Produktion, diespäter nach Berlin und auch nach Luxemburg kommt.

Landestheaterals Partner

Nacheiner sehr langen Pause, nämlich nach rund 15 Jahren, ist auch das VorarlbergerLandestheater wieder ein Partner der Festspiele. Seit der Einstellung derBespielung des Martinsplatzes in der Oberstadt durch das regionale Ensemblekommt bzw. kam es heuer zu einer weiteren Zusammenarbeit. Silvia Costa, auchals Mitarbeiterin von Romeo Castellucci bekannt, der heuer in Salzburg Mozarts„Don Giovanni“ inszeniert, wirft im Rahmen einer Reise philosophische Fragenauf. Das Publikum unternimmt sie nach der Premiere im Mai erneut im Augustgemeinsam mit Musikern, Tänzern und Schauspielern unter dem aus einem Satz ausden „Pensées“ von Blaise Pascal abgeleiteten Titel „Ihr seid bereitseingeschifft“. Spielorte sind Räume im Festspielhaus wie im Vorarlberg Museum,im Kornmarkttheater und im Sammlungsschaufenster des Kunsthauses. Dabei istCosta so wenig fordernd, dass das Erfahren der politischen Dimension des Stückssehr stark von den individuellen Assoziationen abhängt.

WeitereUraufführung

Ursprünglich im Kontext von Puccinis „Madama Butterfly“, der in der Zeit des Kolonialismus spielenden Oper verankert, die nach Verdis „Rigoletto“ auf die Seebühne kommt, gliedert sich auch eine weitere Uraufführung in das Festspielprogramm ein. Gemeinsam mit jenen österreichischen Mittelbühnen, mit denen das Bregenzer Theater Kosmos eine Allianz bildet, wurde ein Dramenwettbewerb ausgeschrieben, aus dem der Österreicher Bernhard Studlar mit „Lohn der Nacht“ als Sieger hervorging. Das Motto lautete „Arroganz des Kapitals“. Der Wiener Dramatiker führt in einer Nacht unterschiedliche Personen zusammen, darunter im Übrigen auch eine Operndiva, deren Wege bzw. Lebensentwürfe sich danach eventuell ändern. Es ist ein brisanter, von einigem Humor durchzogener Text.

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