Marianne Faithfull muss auf das Singen verzichten

t-online hat offene Ohren für die wichtigsten Alben der Woche und gibt Ihnen Musiktipps. Diesmal mit alten Gedichten im modernen Sound von Marianne Faithfull, Pink Floyd, Cro und Danger Dan am Klavier.

Wenn Sie mal wieder richtig Lust auf neue Sounds haben, Ihnen aber die Zeit fehlt, sich durch die Veröffentlichungen der Woche zu hören, stimmt t-online Sie mit der wöchentlichen Rubrik “Schon gehört?” ein.

Pink Floyd – Live at Knebworth, 1990

Pink Floyd neigten sich 1990 langsam dem Ende. Roger Waters war nicht mehr dabei. Mit David Gilmour als Mastermind nahm man 1987 das gute, aber nicht phänomenale “A Momentary Lapse of Reason” auf. Es folgte dafür 1994 noch das mehr als ordentliche “Division Bell”. Und “The Endless River” von 2014 MUSS man sogar unter den Teppich kehren. Zwischen “A Momentary Lapse of Reason” und “Division Bell” lag das Jahr 1990 und der sagenumwobene Auftritt in Knebworth. Dieser erscheint nun erstmals als eigenständiger und offizieller Tonträger.

Wie auch die letzten “posthumen” Veröffentlichungen dieser Band stimmt auch hier wieder vieles. Das Cover ist durch und durch Pink Floyd. Die sieben Songs sind eine schöne Auswahl aus den größten Hits der Progressive Rocker. “Shine On You Crazy Diamond” ist genauso vertreten wie “Wish You Were Here” oder “Money”. Ob das Fehlen von “Another Brick in the Wall” positiv oder negativ ist, muss jeder selbst entscheiden. Aber man hat diesen Meilenstein ja schon in x Versionen gehört. Da kann es ruhig mal fehlen.

Livealben von Pink Floyd sind aber immer so eine Sache. Toller Sound, tolle Musiker, präzises Spiel, aber das große Konzertfeeling kommt nie zuhause an. Ein zweischneidiges Schwert also, welches beinharten Fans der Gruppe jedoch egal sein wird.

Marianne Faithfull – She Walks in Beauty

Herrje, die Frau ist 74 und klingt auf ihrem neuen Album so modern, wie selten zuvor. Zusammen mit Warren Ellis, der auch durch seine Zusammenarbeit mit Nick Cave bekannt ist, hat sie spärliche Songs aufgenommen. Leichte Klavier- und Elektronikklänge, die bewusst wenig Aufsehen erregen sollen (ähnlich wie auf den letzten beiden Nick-Cave-Werken), dienen als musikalisches Fundament für eine LP der besonderen Art: Marianne Faithfull spricht romantische Gedichte. Kein Liebes-Kitsch, sondern die englische Romantik. Lord Byron und so.

Damit erfüllt sie nicht nur ihren Bildungsauftrag, sondern schafft es den alten Gedichten durch ihre ganz eigene Spoken-Word-Performance neues Leben einzuhauchen. Nur echten Gesang darf man nicht erwarten. Ähnlich wie der selige Lou Reed auf “The Raven” werden die Gedichte vorgetragen und nicht gesungen. In einem gar nicht so alten Interview mit “The Guardian” berichtete die Kultsängerin über ihre dramatische Coronaerkrankung und sagte auch, dass ihr das Singen schwerfalle. Das Ergebnis dieses Erlebnisses sind diese Tracks. Mit dem Folk ihrer Anfangstage oder gar den Disco-Sounds der 80er haben diese 46 Minuten nichts zu tun. Interessant sind sie aber dennoch.

Cro – Trip

Bei Cro ist das wohl wie bei Panic! at the Disco. Da kommen mit jedem Album eine ganz neue Scharr Fans dazu, während sich einige alte verabschieden. Mit “Trip” legt der Masken-Rapper nun seine vierte Platte vor. Und das ist direkt ein ambitioniertes Doppelalbum für eine ganz neue Hörerschaft.

Die erste Hälfte wartet mit tanzbaren Nummern wie “Alles Dope”, “1 Instagramm” oder dem nahezu lächerlich eingängigen “Superwoman” auf. Die Songs sind fetzig, positiv und irgendwo niedlich. Ach, und daher wohl auch konsequent in GROßBUCHSTABEN, während die Songs der zweiten Partie alle klein geschrieben werden. Das wiederum passt zu dem etwas schrägen, fast schon psychedelischen Sound von “trip”, “so schön” oder “letzter song” (bewusst kleingeschrieben). Man denkt an MGMT oder Tame Impala bei dem etwas weirden Content der zweiten Hälfte.

Jetzt muss man Cro aber auch positiv attestieren, dass diese 22 Songs ein gewisses Konzept verfolgen und nicht ganz so banal sind wie alte Hits wie “Easy” oder “Einmal um die Welt”. 

Gojira – Fortitude

Seit einigen Jahren zählen die Franzosen von Gojira zu den beliebtesten Bands im eher extremen und anspruchsvollen Metal-Spektrum. Früher spielen sie vertrackten Death Metal , das letzte Album “Magma” öffnete den Sound. Melodie, teilweise eingängige Parts und mal der altbewährte 4/4-Takt kamen sehr häufig zum Einsatz. Mit “Fortitude” setzt Progressive-Metal-Truppe ihren Weg nun fort.

Und oft erinnern die neuen Songs als die Deftones oder Sepultura zu “Roots”-Zeiten. Keine schlechten Referenzen. Gleichzeitig sind die elf neuen Songs nicht mehr ganz so eingängig wie vieles vom Vorgänger. Doch gerade das macht Nummern wie “Amazonia” (das könnte nun wirklich auch auf “Roots” punkten) oder “Hold On” so spannend.

Man muss das Album wohl oft und intensiv hören. Für nebenbei beim Hausputz eignet sich dieser 52 Minuten lange Metal-Trip weniger. Dem Hype, der dieser Veröffentlichung in der Szene vorausging, wird “Fortitude” jedoch mehr als gerecht.

Danger Dan – Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt

Die Antilopen Gang hat mit “Fick die Uni” einen modernen Klassiker geschrieben, der seit Jahren immer mal wieder irgendwo rausgeholt wird. Gangmitglied Danger Dan meldet sich nun mit einem neuen Soloalbum zurück. “Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt” – mutiger Titel für das eher langweilige Klavier-Opening “Lauf davon”, welches auch bei Herbert Grönemeyer oder Marius Müller-Westernhagen nicht wehgetan hätte. Ob die Ü60-Reminiszenz ihm jetzt schmeichelt, kann man einfach mal in Frage stellen. 

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Und in dem Stil geht es die gaaaaanze Zeit weiter. Der Klavier-Sprechgesang ist spätestens ab Song drei langweilig. Die Texte vielleicht geistreich, aber nichts zum wirklichen Aufhorchen. Die Klavierarrangements auch nix besonders. Hooklines werden auf dieser Platte eh konsequent nicht bedient. Und bevor sich jemand aufregt, dass der beliebte Musiker hier verrissen wird: Das ist alles von der Meinungsfreiheit gedeckt. Der geschätzte t-online-Kollege Steven Sowa fand das Album übrigens “weltklasse” und schüttelte beim Lesen der vorangegangen Zeilen den Kopf und gab mir eins auf den Deckel.

Alle Alben sind am 30. April in physischer und digitaler Form. Wir hören uns wieder!

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