Matthias Schweighöfers Musik klingt wie seine Filme

In der Flut von neuen Alben und Neuauflagen alter Klassiker kann man schon mal den Überblick über die Musiklandschaft verlieren. t-online hat dafür offene Ohren und gibt Ihnen Lauschtipps.

Bei Spotify, Apple Music und Co. wird man mit Neuerscheinungen schier überfordert. Playlists aktualisieren sich ständig, nicht alles darin gefällt und überhaupt ist das Album doch das viel schönere Format. Wenn Sie mal wieder richtig Lust auf neue Sounds haben, Ihnen aber die Zeit fehlt, sich durch die Neuveröffentlichungen der Woche zu hören, stimmt t-online Sie mit der wöchentlichen Rubrik “Schon gehört” (jeden Freitag) ein. Hier gibt es die besten, wichtigsten und skurrilsten Alben für die nächsten sieben Tage.

The Rolling Stones – Goats Head Soup

(Quelle: Universal Music)

Nee, das ist nix Neues von den Stones. “Goats Head Soup” ist das 1973er Album von Mick Jagger und Co., welches nach den beiden Klassikern “Sticky Fingers” und “Exile On Main St.” erschien und heute gerne übersehen wird. Mit einem üppigen Re-Release kann man “Goats Head Soup” nun aber noch eine Chance geben.

Damals weckte die LP eher gemischte Gefühle bei Kritikern und Fans. Kommerziell lief alles gut, aber auch nicht mehr so gut, wie gewohnt. Woran lag’s? Die Songs wirken etwas ausladender und weniger eingängig. Keith Richards bearbeitet seine Gitarre gewohnt, aber hatte auch schon bessere Riffs zu bieten. Klar, “Angie” war ein Hit, verkaufte sich wie frisch geschnitten Brot und gehört noch heute zu den Klassikern der Beatles-Rivalen. Im neuen Stereo Mix des Remasters klingen die Songs jedoch mehr als ordentlich restauriert und so kommen einige Details zum Vorschein, die beim Original untergegangen sind. Nur die großen Melodien lassen sich noch immer nicht finden.

Obendrauf gibt es – je nachdem welche Version man sich ins Regal stellt – B-Seiten und Alternative Mixe. Joa, das braucht man eigentlich selten bis nie. Viel interessanter ist der beigelegte Live-Mitschnitt “Brussels Affair”. Das Konzert wurde 1973 aufgenommen und erschien 2011 als sogenannter “Official Bootleg”. Soundtechnisch bleiben auch hier keine Wünsche offen. Die Setlist liest sich mit dem Opener “Brown Sugar” und weiteren Klassikern wie “Jumping Jack Flash”, “Gimme Shelter” oder “Honky Tonk Women” natürlich auch super. Die damals neuen “Goats Head Soup”-Nummern werden genauso tight gespielt wie die Gassenhauer.

Also merke: Das Album kann nicht mit den Glanztaten mithalten, ist aber besser als sein Ruf und klingt im neuen Mix überaus gut. Alternative Mixe sind okay zum (k)einmaligen Hören und die Liveplatte taugt.

Matthias Schweighöfer – Hobby

(Quelle: Universal Music)

“Wieso muss er übertreiben, anstatt nur beim Film zu bleiben?”, fragt Schauspieler Matthias Schweighöfer im Opener “Anfang” seines zweiten Albums “Hobby”.

Schweighöfer macht smoothen Pop mit ein bisschen Elektronik und melodiösem Sprechgesang. Als “Rap” mag man das nicht wirklich betiteln. Da hat selbst Cro mehr Street Credibility vorzuweisen. Wenn Filme von Matthias Schweighöfer genau Ihr Ding sind, dann stellen Sie sich das irgendwie mal als Musik vor. Klingt komisch (die Vorstellung, nicht unbedingt die Songs), wenn Sie aber mal “Lauf”, “Melodie” oder das nachdenkliche “Sonnenberg” hören, wissen Sie was ich meine.

Und um auf Schweighöfers ursprüngliche Frage zurückzukommen. Übertrieben hat er hier wenig. Der Schauspieler-Sänger spricht nachdenkliche Texte ein, die über einem elektronisch-poppigen Semi-Rap-Sound gelegt werden. Man denkt direkt an Deutsch-Popper wie Andreas Bourani, Adel Tawil und Wincent Weiss. Oder eben den potentiellen Soundtrack für eine Matthias-Schweighöfer-Dramedy.

U96 / Wolfgang Flür – Transhuman

(Quelle: Soundcloud)

Hier stoßen zwei Electro-Helden aufeinander. Wolfgang Flür wurde durch die Düsseldorfer Kultband Kraftwerk bekannt. Von U96 kennen Sie sicherlich noch den Eurodance-Knaller “Das Boot”, dessen Bässe Anfang der Neunzigerjahre durch Clubboxen geballert wurden. Auf “Transhuman” vereinen die beiden Musiker ihre Kräfte. Doch das klingt mehr nach Kraftwerk als nach “Das Boot”.

Schon der Titel “Transhuman” lässt automatisch an den Kraftwerk-Klassiker “Die Mensch-Maschine” denken. Und dann hört man die ersten Töne von “Transhuman”. Diese Synthie-Sounds! Hören Sie doch nur! Die klingen dermaßen nach Kraftwerk, dass jedem Fan der Düsseldorfer Synthie-Pioniere die Tränen kommen sollten. Die ikonische Roboterstimme gibt es obendrauf.

Tränen aus den Augen gewischt und das Ganze mal wieder etwas subjektiver betrachtet: “Transhuman” klingt wie ein möglicher Nachfolger von “Die Mensch-Maschine”, ja. Den Charme der Siebzigerperlen können U96 und Wolfgang Flür 2020 jedoch nicht reproduzieren. Und dieser Charme hat “Die Mensch-Maschine”, “Computerwelt” oder “Trans Europa Express” eben ausgezeichnet. Trotzdem ist “Transhuman” von U96 und Wolfgang Flür ein tolles Retroprojekt.

Joy Denalane – Let Yourself Be Loved

(Quelle: Universal Music)

Da ist sie wieder, die deutsche Soul-Queen. Mit ihrem neuen Album “Let Yourself Be Loved” verneigt Joy Denalane sich vor den großen Motown-Platten der Sechziger- und Siebzigerjahre. Dabei ist sie nun selbst ein Teil des ikonischen Soul-Labels und veröffentlicht als erste deutsche Sängerin ein Album auf der Plattenfirma Motown.

Die elf neuen Songs klingen wie ein Gang zum Plattenschrank von Joys Papa, der großer Soul-Fan war und sie musikalisch sehr prägte. Retrosongs im modern angehauchten Retrosound. Songs wie “Stand”, “I Believe” oder “Top of My Love” lassen den Fuß sofort mitwippen, aber die persönlichen, auch sozialkritischen Texte lassen auch das Köpfchen mitdenken.

Elif – Nacht

(Quelle: Sony Music)

Auch wenn Elif bereits zwei Alben veröffentlicht hat, blieb der große Durchbruch aus. Doch dann kam Samra. Der Rapstar nahm mit ihr seine Platz-4-Hitsingle “Zu Ende” auf. Jetzt legt Elif mit ihrem dritten Album “Nacht” nach.

Der deutschsprachige R’n’B legt den Fokus natürlich auf Elifs rauchige Stimme, die zwischen melodiösen Raps (das klingt schon etwas tougher als bei Schweighöfer) und Gesang wechselt. Statt Party, fette Beats und “beste Leben”-Feeling packt Elif eher nachdenkliche Texte über ihren Burnout, toxische Beziehungen und andere persönliche Themen aus. Tanzbar ist der Sound von “Nacht” dennoch. “Kann das bitte so bleiben” geht ein bisschen mehr nach vorne, andere Nummern wie “Schwarz” oder “Wo bist du?” sind zurückhaltender.

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Im Musikgeschäft gibt es die ungeschriebene Regel, dass das dritte Album eines Künstlers entscheidend sei, “make it or break it” sozusagen. In Zeiten von Spotify ist das vielleicht nicht mehr so zutreffend wie 1982, aber mit “Nacht” sollte es Elif auch ohne Samra schaffen.

Alle Alben sind am 4. September in digitaler sowie physischer Form erschienen. Haben Sie “Schon gehört”, wer nächste Woche dabei sein wird? Unter anderem Marilyn Manson, der sich mit “We Are Chaos” eindrucksvoll zurückmeldet, sowie Eskimo Callboy, der Band von Ex-“Bachelorette”-Gewinner David Friedrich. Wir hören uns wieder!

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