"Wir rücken dem Abgrund immer mehr entgegen"

Ian Gillan, der Frontmann von Deep Purple, hat in 50 Jahren Bandgeschichte einiges erlebt. Angesichts der Corona-Pandemie macht er sich derzeit Sorgen um die Zukunft der Menschheit.

“Smoke on the Water” kennt wohl jeder. Doch nicht nur mit diesem Song schrieben die Briten von Deep Purple Rock-Geschichte. Sie zählen zu den bekanntesten Bands der Welt und gelten als Vorreiter des Heavy Metal. Im Gegensatz zu anderen Ikonen, die zeitgleich starteten wie etwa Led Zeppelin oder Black Sabbath, sind sie noch immer aktiv. Mit “Whoosh!” erscheint am 7. August ein neues Album der Hard Rocker. Sänger Ian Gillan sprach mit t-online.de darüber, warum Deep Purple jeden Trend ignorieren und warum er besorgt ist um die Existenz der Menschheit.

t-online.de: Herr Gillan, wie haben Sie 2020 bisher erlebt?

Die derzeitige Lage ist ein guter Übergang zum neuen Deep-Purple-Album “Whoosh!”. Dessen erste Single “Man Alive” handelt ebenfalls von einer eher apokalyptischen Welt. Wie kam es dazu? Der Song wurde bereits vor der Corona-Krise geschrieben.

Genau, geschrieben wurde die Nummer im Frühjahr 2019. Ich habe für die Lyrics der neuen Songs recherchiert und herausgefunden, dass es 300.000 Jahre gedauert hat, bis es an meinem Geburtstag vor 75 Jahren 2,5 Milliarden Menschen auf der Erde gab. In diesen 75 Jahren hat sich die Anzahl der Erdbewohner verdreifacht. Immer wenn die Welt zu voll wurde, hat die Natur übernommen und schickte Krankheiten, Hungersnöte oder Krieg. Und es geht immer weiter und niemand ist in der Lage, das zu stoppen. Wir rücken dem Abgrund immer mehr entgegen. Niemand möchte über dieses Thema reden, also müssen wir die Konsequenzen akzeptieren.

In dem Song gibt es einen Spoken-Word-Beitrag von Ihnen. Fiel es Ihnen als Sänger schwer, den Erzähler zu geben?

Es passte einfach genau zu der Passage. Den Text zu singen, hätte nicht den gleichen Eindruck gemacht. Ich habe das Singen aber nicht aufgegeben. (lacht)

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Das hört man! Sie haben das neue Album mit dem gleichen Team aufgenommen, wie den Vorgänger “Infinite”. Wo sehen Sie die Unterschiede zwischen diesen Alben?

Wir jammen viel. Als wir unseren Produzenten Bob [Ezrin, arbeitete auch mit Kiss, Alice Cooper oder Pink Floyd, Anm. d. Red.] das erste Mal in Toronto getroffen haben, sagte er: “Ich möchte keine Songs, ich möchte Musik!” Deep Purple ist eigentlich eine instrumentale Band. Wir arbeiteten von Mittag bis sechs Uhr abends, inklusive einer Teepause um drei. Wir probieren dabei alles aus. Man hört Orchestrales, Jazz, Blues, Folk, alles. Es gibt eigentlich seit 1969 keinen Unterschied, wie wir Songs schreiben. Für mich als Sänger kann ich Ihnen eigentlich keinen Unterschied nennen, da jedes Deep-Purple-Stück die gleichen Wurzeln hat.

Fällt es Ihnen mittlerweile einfacher, einen Song zu schreiben oder ist das auch nach 50 Jahren Rock’n’Roll noch eine Herausforderung?

Ehrlich gesagt finde ich es einfach. Ich schreibe jeden Tag an etwas. Die Musiker in der Band üben jeden Tag sechs Stunden, auch wenn wir auf Tour sind. Ich habe immer mein Notizbuch und meinen Stift bei mir und schreibe Bruchstücke auf. Steve Morse, unser Banjo-Spieler [Gitarrist eigentlich, Anm. d. Red], fragte mich mal, was ich da eigentlich immer mitkritzle und ich sagte ihm: “Steve, ich übe genau wie ihr.” Ich benutze Wörter statt Noten. Man muss seinen Geist einfach jung halten und sich mit verschiedenen Themen befassen. Trotzdem denke ich, dass die besten Stücke in weniger als 15 Minuten geschrieben werden. Man muss auch manchmal den Mut haben, Ideen zu verwerfen, weil sie nicht wirklich funktionieren. Und das passiert echt oft. (lacht)

Sie sagten, dass Sie heute die gleichen Wurzeln haben wie 1969. In Ihrer Karriere haben Sie sich nie Trends angepasst. Wie wichtig ist Ihnen diese musikalische Integrität?

Hätten wir uns Trends angepasst, wäre das dumm und peinlich gewesen. Wir haben die unbewusste Entscheidung getroffen niemals trendy zu sein. Wenn du heute hip bist, bist du per Definition irgendwann auch wieder out. Es gibt so viel innerhalb unserer Parameter zu erforschen, dass wir nie auf Trends achten mussten. Und warum sollte man sich auf ein Genre beschränken, wenn die eigenen Einflüsse doch so viel breiter gefächert sind?

Deep Purple 2020 (v.l.): Ian Pace, Don Airey, Ian Gillan, Roger Glover und Steve Morse. (Quelle: Ben Wolf)

Hören Sie moderne Musik?

Nein. Als ich ein Kind war, wuchs ich in einer musikalischen Familie auf. Ich hatte als Jugendlicher das Elvis-Album “Heartbreak Hotel”, was eine Art Rebellion war. Ich denke, als Teenager hat man den Drang nach einem gewissen Vandalismus und möchte alles zerstören, was der eigene Vater gemacht hat, um Platz für seinen eigenen Weg zu machen. Und so geht es mir auch bei Musik.

Wie hat Ihre Familie auf Deep Purple reagiert?

Als ich damals mit Deep Purple “In Rock” aufnahm, habe ich meinen Onkel eingeladen, ein paar Tage bei mir zu verbringen. Er wollte das Album hören, welches ich gemacht habe. Also habe ich es ihm vorgespielt. Er rannte mit seinen Händen über den Kopf aus dem Zimmer und schrie: “Oh, mein Gott! Das ist furchtbar!” Und das hat mich glücklich gemacht. (lacht) Denn mir wurde klar, dass wir etwas Neues gemacht haben, das etwas Altes ersetzt hat.

Jetzt wo Sie es ansprechen: “In Rock”. Das war vor 50 Jahren Ihr erstes Album mit Deep Purple und es gilt heute als Klassiker. War Ihnen damals bewusst, dass Sie mit Songs wie “Child in Time” etwas Besonderes kreieren?

Eigentlich nicht, denn wir versuchen immer, die Fans, die Labels, die Kritiker oder das Radio auszublenden. Wir machen, was wir machen wollen, und beten, dass irgendwer das mag. Wir haben auch viele Songs gemacht, die ich viel, viel, viel besser finde und die niemals große Hits wurden. Ich bin sehr dankbar dafür, wie “In Rock” und “Child in Time” aufgenommen wurden, aber das lag niemals in unseren Händen.

Wuschelkopf: Ian Gillan 1987. (Quelle: imago images / BRIGANI-ART)

Wie haben Sie das letzte Jahrhundert mit dieser Band erlebt?

Darauf bezieht sich der Albumtitel “Whoosh!”, denn diese 50 Jahre wirken auf mich wie gestern und whoosh, jetzt sind wir hier.

In all der Zeit haben Sie den Großteil der Welt bereist, Sie haben ein Haus in England und eines in Portugal. Wo ist “zu Hause” für Sie?

England. Ich lebe meist dort, verbringe den Sommer aber in Portugal. Wenn ich auf Tour bin, sehe ich meine Familie nicht so oft. Wir machen dann immer Urlaub in Portugal. Früher waren es Orte wie die Cayman Islands, aber das war zu weit weg, um dort mal ein langes Wochenende zu verbringen. Ich hatte deswegen auch schon Bleiben auf Ibiza oder Menorca. Das war alles okay, aber es sind große Partyinseln und daher ist da viel Trubel. Dann entdeckten wir vor 30 Jahren Portugal für uns und haben uns in die Kultur, das Essen oder auch in das gute Wetter verliebt. Wir haben früher immer nur Häuser für unsere Trips gemietet, bis unser Manager zu mir sagte, dass ich enorm viel Geld für Mieten verschwende und brachte mich auf die Idee, mir selbst ein Haus zu kaufen.

Kam Ihnen das bei den Kosten nie in den Sinn?

Nein. Meine Frau Bron und ich haben uns dann in einem Urlaub umgesehen und ein kleines Landhaus mit zwei Schlafzimmern, einem Pool und einem Garten entdeckt. Mittlerweile habe ich auch ein Studio dort. Es ist perfekt.

Sie sind seit über 35 Jahren verheiratet. Was ist Ihr Geheimnis für eine gesunde Beziehung und ein intaktes Familienleben? Sie sind ja oft für einige Monate am Stück nicht daheim.

Meine Frau hat früher für Virgin Records gearbeitet, also versteht sie das Musikgeschäft. Es ist gut, dass ich mit ihr jeden Tag telefoniere und mich darüber mit ihr austauschen kann. Sie versteht die Ups und Downs des Musikerlebens. Sie ist da echt tolerant. Sie besucht mich eigentlich auf fast jeder Tour für ein paar Tage. Vor etwa 30 Jahren gab es eine wirkliche schöne Szene: Wir sind in ein neues Haus eingezogen, ich kam gerade von einer Tour und hatte ein paar freie Tage. Dann finde ich auf einmal meinen gepackten Koffer neben der Tür. Ich rief unseren Manager an und der sagte mir, dass ich in einer Stunde zum Flughafen gefahren werde. Ich hatte eine Tour vergessen, meine Frau wusste es aber. Sie hat ein tolles Verständnis für das Business.

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Sie unterstützt Sie also immer?

Ja, wir reden viel über das Musikgeschäft und die Band. Sie ist glücklich und freut sich, dass die Band so erfolgreich ist. Sie unterstützt mich und ich versuche auch sie immer bei allem zu unterstützen. Aber ich kann Ihnen nicht sagen, ob es da ein wirkliches Geheimnis für eine glückliche Beziehung gibt. Manchmal hat man einfach Glück, denke ich.

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