Ergophobie: So bekämpft man die Angst vor der Arbeit

Ergophobie: So bekämpft man die Angst vor der Arbeit

Dr. Hanne Horvath klärt auf

Wer den Sonntag nicht mehr genießen kann und beim Gedanken an die beginnende Arbeitswoche ein flaues Gefühl im Magen verspürt, kennt die Angst vor der Arbeit. Nervöse Unruhezustände, Herzrasen und Schlafstörungen sind dann häufige Symptome, die sich auf Dauer zur Ergophobie entwickeln können. Doch es gibt Auswege aus jenem Angstzustand, weiß Dr. Hanne Horvath, Psychologin und Mitgründerin der Online-Therapieplattform HelloBetter. Im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news verrät die Expertin, wie es gelingen kann, sich der Angst vor der Arbeit zu stellen und sie zu überwinden.

Dr. Hanne Horvath: Betroffene, die unter Ergophobie leiden, beschreiben oft ein diffuses Angstgefühl, das bei dem Gedanken an die Arbeit ausgelöst wird, regelmäßig auftritt und die Lebensqualität beeinträchtigt.

Horvath: Die Ursachen der Angst lassen sich auf ganz unterschiedliche Gründe zurückführen: Beispielsweise kann ein konfliktreiches Verhältnis zu Kollegen oder Vorgesetzten die Angst auslösen, auch eskalierte Formen wie Ausgrenzung und Mobbing fallen darunter. In anderen Fällen hängt die Angst mit bestimmten Arbeitssituationen und Aufgaben zusammen. Ein Klassiker, den viele Menschen kennen, ist die Angst davor, Vorträge zu halten, zum Beispiel in Meetings. Es können aber auch kleinere Situationen sein, die als herausfordernd empfunden werden. Je häufiger sie im Arbeitsalltag vorkommen, desto belastender natürlich für die Betroffenen. Dann gibt es noch strukturelle Gründe, die zur Angst vor der Arbeit führen können. Darunter fallen Arbeitsplatzunsicherheit oder eine zu hohe Arbeitsbelastung aufgrund von Personalmangel, Leistungsdruck und knappen Deadlines. Nach zwei Jahren Pandemie und der Rückkehr aus dem Homeoffice lässt sich darüber hinaus noch ein weiteres Phänomen beobachten. Einige fürchten sich vor einer Ansteckung, andere haben Schwierigkeiten mit der Umgewöhnung, beispielsweise fühlen sie sich durch die vielen sozialen Kontakte gestresst oder kommen mit dem Lärmpegel im Großraumbüro nicht mehr klar. Wir sehen, es gibt also ganz unterschiedliche Gründe, weshalb jemand Angst vor der Arbeit empfinden kann.

Horvath: Die Angstreaktion ist zum einen körperlich spürbar. Betroffene leiden häufig unter Symptomen wie Herzrasen, Kopfschmerzen oder Magenbeschwerden. Auch psychisch kann sich die Angst bemerkbar machen, beispielsweise durch Unruhezustände, Konzentrationsschwierigkeiten und Schlafstörungen. In stark ausgeprägten Fällen leiden Betroffene auch unter Panikattacken. Weitere Symptome können sich in einem veränderten Verhalten ausdrücken. Hierunter fallen Überreiztheit, Vergesslichkeit oder die Nichteinhaltung von Deadlines, um nur einige zu nennen.

Horvath: Keines der Symptome ist angenehm, weshalb Betroffene oft versuchen, die angstauslösenden Situationen oder Personen zu vermeiden. Das können zunächst harmlose Strategien sein, wie beispielsweise den Schritt zu beschleunigen, wenn ein bestimmter Kollege oder eine Kollegin sich morgens ebenfalls dem Fahrstuhl nähert. Irgendwann sind es dann verpasste Meetings, um der Person aus dem Weg zu gehen, und im nächsten Schritt folgen Fehltage. Durch die Vermeidung findet kurzzeitig eine Entlastung statt, aber gleichzeitig wird die Angst verstärkt, was die Situation natürlich weiter verschlimmert. Ein Ausweg ist diese Vermeidungsstrategie demnach nicht.

Horvath: Es beginnt damit, sich der Angst zu stellen und damit meine ich, ihr mal auf den Grund zu gehen. Viele Betroffene sind irgendwann so gefangen in ihrer Angstspirale, dass es schwerfällt, näher hinzuschauen. Aber genau das ist notwendig. Hilfreich ist es, sich die folgende Frage zu stellen: „Was müsste sich ändern, damit ich wieder gerne zur Arbeit gehen würde?“ Am besten ist es, sich für das Erforschen der Antwort ausreichend Zeit zu nehmen, denn darin stecken wichtige Hinweise, woher die Angst denn eigentlich kommt und das ist letztendlich der Schlüssel für die Bewältigung.

Wenn die Antwort „Meine Kollegin hätte gekündigt“ oder auch „Meine Vorgesetzte würde mich nicht mehr kritisieren“ lautet, weist alles darauf hin, dass die Angst durch Personen ausgelöst wird. Klingt die Wunschvorstellung so: „Ich würde selbstbewusst und sicher meinen Standpunkt in Meetings vertreten und erfolgreich vor Kunden Präsentationen zu halten“, lässt sich die Ursache der Angst eher im Bereich der Arbeitssituationen verorten. Aussagen wie „Mir würde alles mühelos und fehlerfrei gelingen“ deuten hingegen eher darauf hin, dass Betroffene zu hohe Ansprüche an sich selbst stellen und unter Perfektionismus leiden. Je nach Ergebnis dieser ersten wichtigen Ursachenforschung gibt es dann verschiedene Bewältigungsstrategien.Steckt hinter der Angst vor der Arbeit eigentlich eine Angst vor einer Person, kann es viel Mut erfordern, etwas zu unternehmen. Denn oft erleben die Betroffenen in diesem Kontext Ausgrenzung, unfaire Behandlung bis hin zu Mobbing und Belästigung. Eine hilfreiche Strategie ist es deshalb, zunächst jemanden ins Vertrauen zu ziehen, um sich zusätzliche Unterstützung von außen zu holen. Eine erste Anlaufstelle können Vorgesetzte, die Personalabteilung oder der Betriebsrat sein. Natürlich passiert es manchmal, dass die Situation trotz Mut der Betroffenen und Bemühungen der ins Vertrauen gezogenen Vermittler nicht ausreichend geklärt werden kann, aber wahrscheinlicher ist es, dass gemeinsam Lösungen gefunden werden.Ist die Ursache der Angst eher eine bestimmte Aufgabe, führt leider ebenfalls kein Weg daran vorbei, als sich der Herausforderung zu stellen. Das erscheint den Betroffenen zunächst nicht möglich, weshalb es wichtig ist, sich in kleinen Schritten der Aufgabe anzunähern. Wenn es also eine Präsentation vor Kunden ist, die für Schweißhände und Herzrasen sorgt, lohnt es sich, erst mal intern zu üben. Dafür eignen sich zum Beispiel Meeting-Formate, in denen es eher um interne Wissensvermittlung geht oder in denen erfolgreiche Projekte vorgestellt werden. Es ist auch möglich, sich erst mal außerhalb des Arbeitskontextes zu erproben. Hilfreich kann es sein, sich in Diskussionen mit Freunden engagierter zu Wort zu melden oder im Familienkreis deutlicher als sonst seinen Standpunkt zu vertreten. Wichtig ist es, sehr geduldig mit sich zu sein und auch kleine Erfolge zu feiern. Mit der Zeit kann es gelingen, sicherer zu werden und die Angst Stück für Stück abzubauen.

Horvath: Was Betroffenen helfen kann, ist sich immer wieder daran zu erinnern, dass Fehler menschlich sind und es okay ist, auch mal um Unterstützung zu bitten. Darin liegt sogar eine Chance, die Beziehung zu Vorgesetzten und Kollegen zu verbessern. Forschende fanden heraus, dass Personen uns eher sympathischer sind, wenn wir ihnen einen Gefallen getan haben. Es kann also sogar konkrete Vorteile haben, andere miteinzubeziehen. Klar ist, auch diese Konfrontation mit der Ursache der Angst erfordert viel Mut und Geduld. Es braucht einfach etwas Übung sanfter mit sich zu sein und sich Fehler zu erlauben. Deshalb empfehle ich noch eine andere Technik. Es kann hilfreich sein, der Angst einfach mal Raum zu geben und das Worst-Case-Szenario durchzuspielen: „Mal angenommen, ich mache einen Fehler, was kann im schlimmsten Fall passieren?“ Oft nimmt das der Angst etwas die Macht, weil die Konsequenzen doch nicht so katastrophal sind, wie sie sich zunächst anfühlen. Betroffene stellen häufig sogar fest, dass sie schon eine Lösung haben, falls der Worst-Case tatsächlich eintreffen sollte. Das kann zu einer großen Erleichterung führen und helfen, einen anderen Blickwinkel auf Fehler zu bekommen. Die Angst jedenfalls wird auch in diesem Fall kleiner.

spot on news

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