Tan Caglar: Depressionen fesselten ihn zwei Jahre ans Sofa

"Wenn man so eine üble Nachricht bekommt, dann wird auf einmal alles um einen herum still." So beschreibt Tan Caglar, 41, im "Mental Health Matters"-Gespräch einen seiner vermutlich schlimmsten Momente im Leben. Mit Anfang 20 bekommt der heute erfolgreiche Stand-up-Comedian mitgeteilt, dass er komplett auf den Rollstuhl angewiesen sein wird. Der Grund: seine angeborene Rückenmarkserkrankung Spina bifida.

Tan wird schwer depressiv und "gesellschaftsunfähig". Alles fühlte sich anstrengend an. Der Schlaf sei für ihn das angenehmste gewesen. Wie Tan Caglar seine dunkelsten Stunden überwand, sich mit seinem "Batmobil" im Swingerclub amüsiert und was seine Fans von seiner neuen TV-Rolle bei "In aller Freundschaft" erwarten können, erzählt er im Interview.

Tan Caglar: “Ich bin in eine tiefe Depression geschlittert”

GALA: Bei "In aller Freundschaft" sind Sie der erste Rollstuhlfahrer mit einer festen Rolle. Wie fühlt sich dieser Erfolg an?
Tan Caglar: Anfangs dachte ich, dass die Produktion ein Unfallopfer sucht. (lacht) Dann stellte sich heraus, dass es tatsächlich ein Casting für eine Arztrolle ist. Als die Rückmeldung kam, dass ich genommen wurde, habe ich mich total gefreut. Ich wusste erst gar nicht, dass ich der erste "echte" Rollstuhlfahrer in einer solchen Rolle sein würde. Es ist das richtige Zeichen in Bezug auf Inklusion. Aber es ist auch schade, dass es so lange gedauert hat und nicht öfter vorkommt.

Können Sie schon etwas über Ihre Rolle verraten?
In einigen Punkten ist die Rolle mir wie auf den Leib geschrieben. Dr. Ilay Demir geht mit den Unsicherheiten seines Umfeldes, die aufgrund seiner Behinderung entstehen, sehr sarkastisch um. Er ist humorvoll und lässt sich von autoritären Personen nicht viel sagen. In der allerersten Szene begrüßt ihn die Klinikchefin mit den Worten: "Wir freuen uns, dass Sie da sind." Seine Antwort: "Wer würde das nicht." Er ist schon sehr selbstbewusst … (lacht) Mit den Patient*innen ist er aber sehr empathisch.

Mit Anfang 20 war klar, dass Sie auf den Rollstuhl angewiesen sind. Gab es einen Schlüsselmoment, an dem Ihnen das klar wurde?
Den gab es tatsächlich. Diesen Tag habe ich "Tag R" getauft. Ich saß damals meinem Arzt gegenüber, der nach einer Röntgenuntersuchung zu mir sagte: "Sie müssen sich damit abfinden, dass sie bald von Teilzeit- auf Vollzeit-Rollstuhlfahrer umsteigen müssen."

Ich wollte das erst nicht glauben. Irgendwann wurde meine Welt immer kleiner, ich habe immer weniger gemacht und bin in eine tiefe Depression geschlittert.  

Sie haben dann zwei Jahre auf dem Sofa vor dem Fernseher verbracht. Wie hat sich diese schlimme depressive Phase angefühlt?
Das Unheimliche an einer Depression ist, dass sie nicht greifbar ist – wie zum Beispiel ein gebrochener Arm. Bei mir ging die Erkrankung mit Ängsten einher. Ich konnte plötzlich nicht mehr mit Freunden essen gehen, ins Kino oder den Friseur besuchen.

“Ich wurde richtig gesellschaftsunfähig”

Durch was wurden diese Ängste ausgelöst? 
Die Angst kam immer in Situationen, aus denen ich nicht einfach abhauen konnte. Ich wurde richtig gesellschaftsunfähig. Die einzigen Menschen, die ich an mich rangelassen habe, waren meine Eltern und meine damalige Freundin. Jeden Morgen beim Zähneputzen habe ich mich gefragt, wie ich den Tag überstehen soll.

Ich war zwar nicht suizidgefährdet, aber ich konnte erstmals Leute verstehen, die sich das Leben genommen haben. Das war der Punkt, an dem ich gemerkt habe, dass ich Hilfe brauche.

Sie haben dann eine Therapie gemacht.
Genau, die Therapie dauerte drei Jahre. Die Erfahrung war zwar sehr wichtig, aber es war interessant, dass die Kleinigkeiten, die außerhalb der Therapie passiert sind, mir mehr geholfen haben. Als ich einer guten Freundin von meiner Depression erzählt habe, meinte sie: "Ich hatte das auch mal. Das Gute ist: Du kommst da auch wieder raus." So banal das klingt – das zu hören hat mir sehr gutgetan.

Was haben Sie in der Therapie gelernt?
Zu Beginn ist es wichtig, die Erkrankung anzunehmen. Klingt banal, aber das ist ein wichtiger Punkt. Ich musste damit leben lernen, dass ich nicht mehr laufen kann. Wenn man normal laufen kann, schenkt man diesem Können wenig Beachtung. Aber wenn das plötzlich nicht mehr geht, bedeutet das eine erhebliche Einschränkung. Ich habe in der Therapie gelernt, wieder am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen und mich mit dem Rollstuhl im Alltag zu bewegen.

Der Sport gab Tan Caglar eine neue Perspektive im Leben

Der Rollstuhl-Basketball hat Ihnen ebenfalls aus der Depression geholfen. Sie wurden dann auch Profi.
Ich dachte erst, das wäre ein Reha-Sport – bis ich eine Mannschaft bei den Olympischen Spielen in Peking 2008 gesehen habe. Zweieinhalb Jahre, nachdem ich mein erstes Training absolvierte, unterschrieb ich meinen ersten Profivertrag.

Sie sind mittlerweile erfolgreicher Comedian. Wie hat Ihnen der Humor beim Umgang mit der Querschnittslähmung und Depression geholfen?
Der Humor hat mir sehr geholfen. Bevor ich mit Stand-up-Comedy angefangen habe, habe ich Vorträge zum Thema Inklusion und Integration gehalten. Wenn ich lustige Situationen aus meinem Alltag erzählte und Leute gelacht haben, war das ein super Gefühl. Humor ist eine tolle Sprache, um ein so sensibles Thema zu transportieren. Das hat mir oft geholfen, in Alltagssituationen besser mit meiner Behinderung umzugehen. Dadurch sind dann auch später meine Comedy-Programme "Rollt bei mir" und "Geht nicht? Gibts nicht!" entstanden.

Tan Caglar amüsiert sich mit seinem “Batmobil” im Swingerclub

Mit Ihrer Comedy holen Sie das Thema Behinderung aus der Tabuzone.
Ich rede über ein Thema, über das man normalerweise nicht lacht. Da ich aber selbst betroffen bin, gebe ich dem Publikum eine Art von Sicherheit, die es ihnen erlaubt, zu lachen. Vielleicht kann dadurch der ein oder andere besser mit dem Thema umgehen. Bei meinem nächsten TV-Auftritt im "Quatsch Comedy Club" auf "Sky Comedy" habe ich gleich zwei Tabuthemen auf einmal angesprochen: ein Rollstuhlfahrer im Swingerclub.

Sie haben einen Swingerclub besucht?!
Ich bin mit einer guten Freundin dahingegangen. Das war eine spontane Idee. Wir waren neugierig und wollten uns das nur mal angucken.

An dem Abend war auch noch Maskenball. Ich habe ebenfalls eine Maske aufgesetzt bekommen. Schwarze Kleidung, schwarzer Rollstuhl, schwarze Maske: Ich sah aus wie das Batmobil. (lacht) Wir haben uns die ganzen Räume angeschaut und saßen dann an der Bar. Es war ein sehr witziger Abend.

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