"Westdeutsche zeigen gerne mit dem Finger auf die ‘Ossis’"

Der “Tatort” am Sonntag nutzt das Jubiläum zur Wiedervereinigung, um in einem Krimi brisante politische Fragen zu verhandeln. Hauptdarsteller Mark Waschke brennt es auf der Seele, darüber zu sprechen.

“Wir leben in einer angespannten, aggressiven Zeit”, erklärt Mark Waschke am Telefon. Eigentlich wollten wir über den neuen “Tatort: Ein paar Worte nach Mitternacht” sprechen, doch schnell kreist das Gespräch um die aktuelle politische Lage. Waschke ist sich sicher: “Vieles, was heute schiefläuft, hat seinen Ursprung in der deutschen Geschichte.”

In einem rund 40-minütigen Telefonat wirkt dieser Satz wie eine These, der Waschke seine Gedanken unterordnet. Der gebürtige Bochumer denkt immer wieder lange nach, wägt ab und formuliert komplexe, verschachtelte Sätze. “Die Kontinuität des rechten Gedankenguts” in der deutschen Geschichte mache ihn nachdenklich. “In manchen Gegenden Deutschlands sind Nazis heute sehr aktiv und sie waren es auch schon, bevor die NSDAP an die Macht kam.”

Darum geht es im “Tatort”
“Tatort: Ein paar Worte nach Mitternacht”: Ein Berliner Bauunternehmer, der sich für ein jüdisches Dokumentationszentrum einsetzt, wird erschossen aufgefunden. Um seinen Hals hängt ein Schild mit den Worten: “Ich war zu feige, für Deutschland zu kämpfen”. Vieles spricht für einen rechtsradikalen Mordanschlag. Doch die “Tatort”-Kommissare, gespielt von Meret Becker und Mark Waschke, erwartet ein vertrackter Fall, der tief in die deutsche Nachkriegsgeschichte führt.

Der 48-Jährige finde es “faszinierend”, wie sich Verhaltensweisen fortsetzen. “Das Private wird politisch”, so wie es Michael Haneke 2009 in “Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte” bereits erzählte. Die preußische Erziehung, so der Subtext, sei mitverantwortlich für das, was später der Nationalsozialismus wurde. “Die Kontinuität im angstbestimmten Denken, dieser Wille zur Abgrenzung und diese Befürchtung, zu kurz gekommen zu sein, dieses Opfer-Denken, das hat in Deutschland Tradition”, meint Waschke.

Waschke über rechter Terror: “ein Desaster”

Dabei will er keinesfalls die Ostdeutschen zu Schuldigen erklären. Nazis und rechtsextreme Tendenzen seien in ganz Deutschland ein Problem: “Die Westdeutschen zeigen gerne mit dem Finger auf die ‘Ossis’ und vergessen dabei, wie viele Nazis es in ihren eigenen Reihen gibt. Ich sage nur: Dortmund Dorstfeld.”

“Tatort: Ein paar Worte nach Mitternacht”: Robert Karow (Mark Waschke, li.) sucht Moritz Keller (Leonard Scheicher) beim Holocaust Mahnmal auf.(Quelle: rbb/Stefan Erhard)

Mark Waschkes Stimme ist die ganze Zeit ruhig, er spricht besonnen und überlegt. Doch plötzlich redet er schnell und man spürt, dass ihn etwas aufregt: die Verharmlosung von rechter Gewalt. “Ich finde es ein Desaster, dass es in Deutschland trotz der NSU und mehr als 150 Todesopfern durch rechte Gewalt seit 1990 so lange gedauert hat, bis man von “rechter Terror” spricht.” 

“Deutschland hat noch sehr viel Nachholbedarf”

Nach Recherchen von “Tagesspiegel” und “Zeit Online” sind es zwischen 1990 und 2020 mindestens 187 Menschen gewesen, die von rechtsmotivierten Gewalttätern getötet wurden. Waschke urteilt: “Bei linken Ausschreitungen ist man in Deutschland schnell und schreit: ‘Linksterrorismus!'” Bei Rechtsradikalismus würde dies “deutlich länger dauern”. Der gängige Reflex in Deutschland, diese Täter als “krank oder verwirrt” einzustufen, sei falsch. “Das sind Nazis und die werden von einer Stimmung im Land angestachelt”, so der “Tatort”-Schauspieler.

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Ihm sei es daher vor allem wichtig, mit dem Mythos aufzuräumen, die Deutschen wären Weltmeister in der Aufarbeitung der eigenen Geschichte. “Deutschland hat noch sehr viel Nachholbedarf, was die Beschäftigung mit rechtem Terror anbelangt.” Das Unheimliche am Nationalsozialismus unter Hitler sei für ihn, dass es “keine Diktatur war, die von ein paar Verrückten geleitet wurde. Nein: Der Nationalsozialismus wurde von der Mehrheit der Deutschen mitgetragen.”

Den aktuellen “Tatort” des rbb finde er genau wegen dieser im Krimi verhandelten, brisanten Themen so spannend. “Ein paar Worte nach Mitternacht” ist tatsächlich kein klassischer “Whodunit”-Krimi, sondern eine verschachtelte Suche nach Schuld. Oder wie Mark Waschke es ausdrückt: “Ein Panorama einer Familie, das sehr viel über die Gemengelage in unserer Gesellschaft erzählt.” Eine Gemengelage, die dem “Tatort”-Star offenbar große Sorgen bereitet.

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