1000 Arten Regen zu beschreiben

Berlin (dpa) – Die verschlossene Türe belastet die ganze Familie. Hinter dieser Tür versteckt sich Mike – seit Wochen geht das so. In Japan ist das Phänomen ein bekanntes Problem, man nennt es dort “Hikikomori”: Das sind Leute, die sich daheim einschließen und zur Außenwelt jeden Kontakt abbrechen.

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Auch Mike ist so ein Mensch. Offensichtlich möchte er seine Ruhe, will den Alltag meiden – und belastet damit seine von Bjarne Mädel und Bibiana Beglau gespielten Eltern sowie seine Schwester Miriam (Emma Bading) umso stärker. Den dreien gehen im sensiblen Drama “1000 Arten Regen zu beschreiben” diesen Dienstag (22.45 Uhr, Das Erste) die Ideen aus, wie mit Mike umzugehen ist – Schwester und Eltern verlieren sich selbst dabei zunehmend aus dem Blick.

Die Tür, hinter der sich Mike (Louis Hofmann) versteckt, ist zu einem immer wiederkehrenden Treffpunkt dieser Familie geworden. Vater Thomas reagiert sich hier gerne mal ab, Mutter Susanne versorgt den Sohn mit ihren Gerichten und Mikes Schwester Miriam würde gerne all die Probleme der Jugend mit jemandem besprechen, der sie ebenfalls gerade erlebt. Doch Mike schweigt, kommuniziert nur kryptisch mit Zettelchen. “Griechenland. Lang anhaltende Frontregen. Stürmisch.”

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Die Familienmitglieder eint lange die Scham über die Geschehnisse zu Hause – und die Hilflosigkeit. Ihr Umfeld soll nichts merken, ihre Leistung soll nicht unter dem hohen psychischen Druck leiden, unter dem sie stehen – es ist der gegensätzliche Weg zu dem von Mike. Doch je länger der Rückzug dauert, umso mehr droht die Situation zu eskalieren. Was macht man also mit einem Jugendlichen, der persönlichen Kontakten komplett aus dem Weg geht?

Die bedrückende Stimmung, die Hilflosigkeit, der nahende Kontrollverlust, das alles fängt die Regisseurin Isa Prahl in ihrem gelungenen Langfilm-Debüt mit starken Empfindungen ein. Bjarne Mädel (“Tatortreiniger”) und die Burgtheater-Schauspielerin Bibiana Beglau sorgen mit ihren schauspielerischen Leistungen dafür, dass die Gefühle der Eltern – von Wut bis Verzweiflung – einem wirklich nahe gehen. Auch für den Zuschauer ist hier kein rettendes Ufer in Sicht, die Lage scheint aussichtslos. Und so zieht ausgerechnet “Hikikomori”, die Abschottung von allem, alle in seinen Bann.

Ein besonderes Lob gilt der in diesem Jahr mit dem Hessischen Fernsehpreis ausgezeichneten Emma Bading (“Play”) für ihre Darstellung der Tochter, die mitten in der Pubertät – zwischen kindlicher Naivität und jugendlichem Drang – von den Problemen der Familie aus der Bahn geworfen wird. Ähnlich wie mit den Eltern kann man auch mit ihr mitleiden und die Verzweiflung spüren. Zudem sorgt ihre Entwicklung für Spannung: Es bleibt lange offen, ob man Mike jemals zu Gesicht bekommt oder sich seine Schwester auch noch von der Außenwelt verabschiedet.

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