Er macht’s wie Schröder

Olaf Scholz bei „Bild“, Olaf Scholz bei ProSieben. Noch bevor er Bundeskanzler wird, schlägt er einen anderen Medienkurs ein als Angela Merkel. Ist das Kalkül?

Der 18. März 2020. Angela Merkel im blauen Sakko. Fernsehansprache. 25 Millionen Deutsche verfolgen, wie sich die für ihre mediale Zurückhaltung bekannte Bundeskanzlerin an die Nation wendet. Mit ihren Worten schwört sie die Bürgerinnen und Bürger auf die Ausnahmesituation ein.

„Es ist ernst. Seit der Deutschen Einheit, nein, seit dem Zweiten Weltkrieg gab es keine Herausforderung an unser Land mehr, bei der es so sehr auf unser gemeinsames solidarisches Handeln ankommt“, betont die Kanzlerin.


Es ist ein einmaliges Ereignis, das man so nicht kennt von Merkel. Sie hält Neujahrsansprachen, ja. Aber eine Rede an die Nation? Ausgeschlossen – bis zu diesem historischen Tag im März 2020. Übertragen von allen großen TV-Sendern des Landes und gestreamt auf den meisten Nachrichtenseiten, so auch bei t-online.

Doch seitdem: Stille. Und in dieser verhallten die Forderungen danach, Merkel müsse in der Corona-Krise erneut vor die Nation treten. Klar, die Kanzlerin findet qua Amt auf vielen Kanälen statt. Auch im Corona-Kontext. Sei es bei den Pressekonferenzen, die nach den Treffen mit den Ministerpräsidenten stattfinden oder sei es im Bundestag. Aber: Nur zwei mediale Ereignisse in der, wie Merkel es nannte, größten Herausforderung für Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg fallen aus dem Protokoll. 

Im Februar 2021 nimmt sie zur damals zögerlich anlaufenden Impfkampagne in dem Interviewformat „Farbe bekennen“ Stellung. Die ARD schickt Tina Hassel und Rainald Becker zum Merkel-Kreuzverhör. Dass das ZDF mit Marietta Slomka eine Woche später ebenfalls „exklusiv“ die Kanzlerin interviewen darf, ist Teil des öffentlich-rechtlichen Proporz. Das zweite Ereignis ist ein anderes: Am 28. März nimmt Angela Merkel bei der Talkrunde von Anne Will Platz – und darf dort ganz ohne Runde mit der ARD-Moderatorin eine satte Stunde Sendezeit verplaudern.

Streng nach Protokoll: Angela Merkel, wie eine Queen 2.0

Was auffällt – und das gilt für die kompletten 16 Jahre der Kanzlerschaft von Merkel: Mit der Unionspolitikerin gibt es keine Experimente. Ein mediales Gebaren so streng reglementiert wie das Protokoll der Queen. Angela Merkel hat das Mantra Gerhard Schröders von „Bild, BamS und Glotze“ zu Grabe getragen. Öffentliche-rechtliche Sender? Okay. Zum Abschied hier und da ein gedrucktes Interview? Na gut. Aber bloß kein Privatfernsehen – und Boulevardmedien? Nein, danke.

Steht Olaf Scholz also gegenwärtig mit der Schippe bewaffnet auf dem Medien-Friedhof und lässt das Motto seines einstigen SPD-Chefs wieder aufleben? Gebiert er sich zum Anti-Merkel, der bewusst einen anderen Kurs einschlägt – und damit für Aufsehen sorgt? Am Dienstag war die Aufregung in der Twitter-Blase der Hauptstadtjournalisten jedenfalls groß, als Olaf Scholz bei Bild TV ein Interview gab. Wie kann der künftige Kanzler einem Nischensender mit Marktanteilen um die 0,1 Prozent so in die Karten spielen? 

Doch der Furor ebbte ab, als Scholz 24 Stunden später plötzlich in der ProSieben-Primetime auf dem Stuhl von Joko und Klaas Platz nahm und zu einem eindringlichen Impf-Appell in der Corona-Krise anhob. Das Echo: ausnahmslos positiv. Fast zwei Millionen Menschen sahen den designierten Bundeskanzler live im Privatfernsehen, der Clip dazu sammelte anschließend auf diversen Plattformen rund drei Millionen weitere Klicks ein. 

Scholz kann Überraschung, oder? Angela Merkel jedenfalls hätte sich in einer Lage wie dieser, in der Intensivkapazitäten rar werden, die Infektionszahlen in die Höhe schießen und die Corona-Resignation vielerorts ins Unermessliche steigt, nicht bei ProSieben „Joko & Klaas Live“ auf die Bühne begeben, geschweige denn zu Paul Ronzheimer ins „Bild“-Studio.

Scholz und das Krisenmanagement: PR in eigener Sache?

Ganz so einfach ist es dann doch nicht. Der Druck auf Scholz wurde in den letzten Tagen groß. Viele Beobachter, aber auch die Bürgerinnen und Bürger fragten sich: Kann Olaf Scholz Krise? Er musste jetzt liefern, sonst wäre ihm das Ruder aus der Hand geglitten und das noch bevor sein neues Regierungsboot samt Ampel-Crew überhaupt zu Wasser gegangen wäre. Die ProSieben-Anfrage kam wie die rettende Boje. Fehlstart gerade noch so abgewendet. Ein emotionaler TV-Moment überstrahlt eben die Tatsache, dass es sich bei Scholz‘ Kommunikationsstrategie vor allem um eines handelt: Krisenmanagement. 

Die Unterschiede zu Angela Merkel werden dennoch schon jetzt erkennbar. Scholz gibt sich volksnah und staatsmännisch zugleich. Ein Ausflug zu „Bild“ mündet bei ihm am selben Abend in einem „Tagesthemen“-Interview, Caren Miosga folgt auf Paul Ronzheimer. Was bei Merkel als mediales Duett noch undenkbar erschien, wird bei Scholz Wirklichkeit.

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Seine Mission: alle die erreichen, die noch nicht überzeugt werden konnten. Oder wie er es bei ProSieben ausdrückte: „Ich möchte, dass wir bis Weihnachten bis zu 30 Millionen Impfungen in die Oberarme kriegen.“

Vielleicht braucht es jetzt „Bild und Glotze“ für die Impfunwilligen, die Skeptiker und Verbohrten, die sich längst nicht mehr bei „Anne Will“ herumschlagen. Ob Olaf Scholz mit seinem medialen Anti-Merkel-Kurs erfolgreich ist, wird sich trotz der unkonventionellen Medienauswahl zeigen müssen. Aber der Erfolg wird nicht an Worten in Talkshows oder Interviews gemessen. Am Ende zählt das politische Handeln – und das Erfüllen selbst gesteckter Ziele. Keine TV-Quote, Auflage oder Klickzahl wird entscheiden, sondern die Weihnachtsabrechnung: Schafft Scholz die 30 Millionen Impfungen, oder schafft er sie nicht?

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